Damals im Advent
Teil 1
In den Spinnstuben wurde Brauchtum übermittelt
Wenn die Tage kürzer und die Nächte deutlich länger werden, neigt sich das Jahr bekanntlich dem Ende zu. Zeit zur Einkehr und Besinnung. Gerade in diesen aktuell schwierigen Zeiten, wo wir mehr denn je an das häusliche Umfeld gebunden sind, wird in diesem Jahr auch Weihnachten anders sein als die vergangenen Jahre, vielleicht aber ein wenig so wie früher, ein wenig so wie „damals“. In einer losen Serie soll in den nächsten Wochen an die Bräuche zur Weihnachtszeit erinnert werden, an deren Entstehung und wie sie früher bei uns gelebt wurden oder mancherorts vielleicht sogar heute noch aufrecht erhalten werden. Wir erinnern an vergangene Zeiten als bereits in der Weihnachtszeit häufig schon Schnee lag und rot gefrorene Kindernasen es kaum noch abwarten konnten, dass es endlich Weihnachten wird. Wir schauen zurück auf Geschichten und Wissenswertes, auf Bräuche und Traditionen, auf „damals“, auf die Wochen im Advent. Advent bedeutet Ankunft, die Ankunft des Lichtes der Welt, Jesus Christus, so steht es im Johannesevangelium. Mit dem ersten Adventssonntag beginnt für die Christen auch das neue Kirchenjahr. Advent heißt also auch Neubeginn, um dem Licht der Welt den Weg zu bereiten und das auf vielfältige Art und Weise. Eine Vielfalt die einst gerade in den Wochen vor dem Fest mit unterschiedlichen Vorbereitungen, Mühen und Arbeiten verbunden war, welche sich zum Teil noch bis heute erhalten haben.
Wenn die Tage kürzer und die Nächte deutlich länger werden, neigt sich das Jahr bekanntlich dem Ende zu. Zeit zur Einkehr und Besinnung. Gerade in diesen aktuell schwierigen Zeiten, wo wir mehr denn je an das häusliche Umfeld gebunden sind, wird in diesem Jahr auch Weihnachten anders sein als die vergangenen Jahre, vielleicht aber ein wenig so wie früher, ein wenig so wie „damals“. In einer losen Serie soll in den nächsten Wochen an die Bräuche zur Weihnachtszeit erinnert werden, an deren Entstehung und wie sie früher bei uns gelebt wurden oder mancherorts vielleicht sogar heute noch aufrecht erhalten werden. Wir erinnern an vergangene Zeiten als bereits in der Weihnachtszeit häufig schon Schnee lag und rot gefrorene Kindernasen es kaum noch abwarten konnten, dass es endlich Weihnachten wird. Wir schauen zurück auf Geschichten und Wissenswertes, auf Bräuche und Traditionen, auf „damals“, auf die Wochen im Advent. Advent bedeutet Ankunft, die Ankunft des Lichtes der Welt, Jesus Christus, so steht es im Johannesevangelium. Mit dem ersten Adventssonntag beginnt für die Christen auch das neue Kirchenjahr. Advent heißt also auch Neubeginn, um dem Licht der Welt den Weg zu bereiten und das auf vielfältige Art und Weise. Eine Vielfalt die einst gerade in den Wochen vor dem Fest mit unterschiedlichen Vorbereitungen, Mühen und Arbeiten verbunden war, welche sich zum Teil noch bis heute erhalten haben.
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Bei der Schloßauer Familie Bernhard, wurden auch in den 1960er Jahren in den Wintermonaten noch Holzrechen hergestellt oder repariert. Der Blick aus der warmen Stube, hinaus auf die schneeverschneite Flur sorgte schon beim ersten Schnee für weihnachtliche Stimmung. Repro Thomas Müller
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Wenn im Oktober die letzte Ernte unter Dach kam und das Vieh von Grünfutter auf Heu umgestellt wurde, dann verbrachten die Bauernfamilien die meiste Zeit in der warmen Küche, häufig dem einzigen Raum im Haus der geheizt war. Über dem Holzofen trocknete das aufgefädelte Dörrobst. Walnüsse lagen in „Horden“ und trockneten auf den Schränken. Die Bauern reparierten Alltagsgeräte für das Feld, machten Anfeuerholz, fertigten Reisigbesen oder reparierten Schuhe. Die Frauen holten das Spinnrad hervor um Nähgarn oder Flachs zu spinnen. Es wurde gehäkelt, Socken gestrickt, Leinen gewebt, Kartoffelsäcke und Kleider geflickt aber auch Geschichten erzählt oder Sagen überliefert. Bis ins 20 Jhdt. hinein gab es in den Dörfern sogar noch Spinnstuben, wo die Frauen gemeinsam Garn spannen. Die Kinder lauschten derweil den Geschichten und schauten zu, um es den Eltern später einmal gleich zu tun. Wurden die Kinder dann zu Bett gebracht, holten die Eltern das Spielzeug der Kinder hervor, um es herzurichten oder umzubauen, damit es später unter dem Weihnachtsbaum wieder seinen Platz |
findet. Das Schaukelpferd wurde ausgebessert, die Holzeisenbahn erhielt „TÜV“ und der Puppe wurde ein neues Kleid geschneidert. Auch so mancher alte Holzschlitten wurde entrostet und ausgebessert, um ihn für den nahenden Winter einsatzbereit zu wissen. Schnee war damals zur Weihnachtszeit nämlich, im Gegensatz zu heute, keine Seltenheit.
Den Kindern erklärte man, dass das Spielzeug vom Christkind abgeholt wurde und sie nun ganz brav sein müssten, damit es an Heilig Abend vom Christkind wieder gebracht wird. Der Brauch des Schenkens an Heilig Abend ist übrigens noch nicht so alt, denn eigentlich galt der erste Januar als der Geschenketag, denn zum Jahresbeginn wurden Knechte und Mägde ausbezahlt und erhielten von den Bauern noch ein Geschenk.
Den Kindern erklärte man, dass das Spielzeug vom Christkind abgeholt wurde und sie nun ganz brav sein müssten, damit es an Heilig Abend vom Christkind wieder gebracht wird. Der Brauch des Schenkens an Heilig Abend ist übrigens noch nicht so alt, denn eigentlich galt der erste Januar als der Geschenketag, denn zum Jahresbeginn wurden Knechte und Mägde ausbezahlt und erhielten von den Bauern noch ein Geschenk.
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Häufig wurden Weihnachtsplätzchen oder Obst geschenkt. Das echte Beschenken an Heilig Abend kam allmählich erst im 20. Jh. auf. Die Geburt Christi wurde nämlich als größtes Geschenk für die Menschheit angesehen. Das Beschenken wurde von den Heiligen drei Königen abgeleitet die Jesus Christus mit Gold, Weihrauch und Myrrhe beschenkten, zur Überbringung der Gaben allerdings 14 Tage Anreise brauchten. Später wurde dann der 24. Dezember zum Tag des Beschenkens. Als größtes Geschenk zu diesem Datum wurde jedoch die alljährliche Feier der Geburt Christi angesehen, die Ankunft des Lichtes der Welt.
In den Odenwälder Spinnstuben wurde althergebrachtes überliefert. Sagen und Geschichten wurden an die jüngeren Generationen weitergegeben und so manches Pärchen fand hier zusammen, wie vielleicht auch bei der Familie Schüßler in Mörschenhardt, aufgenommen vom Max Walter im Winter 1918/1919. Repro Thomas Müller Thomas Müller, Schloßau im Dezember 2020 |
Teil 2
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In der Weihnachtsbäckerei
Wenn Ende November die Arbeit im Garten und der Landwirtschaft nahezu vollständig ruhte, begann für die Hausfrauen die Zeit des Plätzchenbackens. Häufig war es zu dieser Jahreszeit schon recht kalt oder es gab sogar schon den ersten Schnee. Für die Kinder gab es dann nichts Schöneres als draußen zu spielen und danach Plätzchen zu probieren oder vielleicht sogar beim Backen zu helfen. Die älteste Plätzchenart sind übrigens die Lebkuchen. Die Stammrezeptur enthält traditionell neun Gewürzarten. Lebkuchen wurden schon im 13 Jh., allerdings noch in deutlich anderer Geschmacksrichtung hergestellt, denn man kannte noch nicht alle heute enthaltenen Gewürze. Allmählich entwickelten sich sogar echte Lebkuchenhochburgen, wie Nürnberg (Nürnberger Lebkuchen) oder Aachen (Aachener Printen). Auch bei uns im Odenwald ist mit dem hessischen Beerfurth inzwischen |
Drei Generationen der Familie Speth aus Mörschenhardt zur Weihnachtszeit 1966, mit einem Teller selbst gebackener Weihnachtsplätzchen in der guten Stube unter dem Herrgottswinkel.
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eine echte Lebkuchenhochburg entstanden. Die im Odenwald jedoch am Weitesten verbreitete Plätzchenart sind die Springerle, die bereits im 16. Jh. aufkamen. Es gibt sie in unterschiedlichen Formen, wobei gerne sehr aufwendig geschnitzte „Holzmoodel“ (Holzformen) verwendet wurden, oder sogar noch werden. Diese Formen sind häufig schon uralt und es war Tradition, diese von Generation zu Generation weiterzugeben. Wer noch welche hat, für den haben diese alten Backförmchen heute eher einen ideellen als einen materiellen Wert. Zu schade zum Wegwerfen! Inzwischen backt man bei uns eher eine Abwandlung der Springerle, die Anisplätzchen. Diese bekommen beim Backen eine knusprige Haube und einen weichen Fuß. Die Herstellung ist hier allerdings nicht ganz so aufwendig wie bei den Springerle. Die Backrezepte der alljährlich hergestellten Weihnachtsplätzchen wurden gerne in selbst zusammengestellten Büchern aufgeschrieben und wie die Förmchen auch, an die nächste Generation weitervererbt. Manche handschriftlichen Rezepte liegen zwischenzeitlich in einer derart alten Handschrift vor, dass die heutige Generation diese nicht einmal mehr lesen kann. Üblicherweise wurden in den Familien mehr als zehn Sorten Weihnachtsplätzchen gebacken, um zum Fest eine reiche Vielfalt davon vorzuhalten. Manche Sorten wurden zum Fest erst richtig gut, wenn sie für eine gewisse Zeit Luftfeuchtigkeit aufnehmen konnten – vorausgesetzt sie erleben das Fest überhaupt. Die Weihnachtsplätzchen wurden dann in Dosen oder irdenen Töpfen an geheimen Orten aufbewahrt und eingeschlossen. Das Versteck war erforderlich denn die Plätzchen sollten ja zum Fest etwas Besonderes und vor allem noch reichlich vorhanden sein. Folglich entwickelten sich die Verstecke für die Kinder zum Objekt der Begierde, denn man musste ja schließlich (täglich) probieren. Sie schmeckten umso besser, je origineller das Versteck und je mehr Plätzchen vorhanden waren. Nicht selten gab es dann rechtzeitig zur Bescherung einen handfesten Streit, wenn manche Plätzchensorte schon (fast) vertilgt war, bevor es überhaupt Weihnachten wurde.
Am Andreastag, dem 30. November, schnitten die Männer einige Obstzweige ab, die man am Tag der Heiligen Barbara, dem vierten Dezember, zwischen 11:00 Uhr und 12:00 Uhr in eine Vase gab und an einem warmen Platz in der guten Stube aufstellte.
Am Andreastag, dem 30. November, schnitten die Männer einige Obstzweige ab, die man am Tag der Heiligen Barbara, dem vierten Dezember, zwischen 11:00 Uhr und 12:00 Uhr in eine Vase gab und an einem warmen Platz in der guten Stube aufstellte.
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Des einen Freud, des anderen Leid - Winter in der Adventszeit 1970/71 in Schloßau
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Verwendet wurden Zweige verschiedener Baum- und Straucharten. In unserer Region waren dies zumeist Kirschzweige. Dem Aberglauben nach war schon der Zeitpunkt des Schneidens ein wichtiges Indiz dafür, ob die Zweige auch tatsächlich zum Christtag blühen. Sofern dies gelingt gilt dies als gutes Zeichen für die Zukunft. Der Brauch geht zurück auf die Heilige Barbara, eine der vierzehn Nothelfer und Schutzpatronin der Geologen, Bergleute, Dachdecker, Soldaten und Sterbenden.
Sie wurde in einer Zelle gefangen gehalten weil sie den christlichen Glauben lebte und sich gegenüber ihrem Vater weigerte, einen Heiden zu heiraten. Aus Zorn auf seine Tochter, ließ ihr Vater sie einsperren und auf dem Weg in den Arrest, verfing sich ihr Kleid an einem ausgetrockneten Kirschbaumzweig, der in ihrer Zelle zu Boden viel. Auf diesen tropfte sie immer wieder Wasser aus ihrem Trinkbecker. Am Tag ihres Märtyrertodes stand der Zweig in voller Blüte. Wie so viele Bräuche in der Vorweihnachtszeit gilt der Barbarazweig für die Christen als ein Symbol der Erneuerung. Eine alte Bauernregel sagt: „Knospen an St. Barbara, sind zum Christfest Blüten da“. |
Thomas Müller, Schloßau im Dezember 2020
Teil 3
Advent, Advent, ein Lichtlein brennt!
Mit dem ersten Advent beginnt die Vorweihnachtszeit. Vor dem ersten Adventssonntag herrschte damals wie heute eine geordnete Hektik. Die Aufgaben innerhalb der Familien sind seit je her genau verteilt und jeder weiß was er zu tun hat. Die Frauen schmücken das Haus, die Männer sorgen für die Beleuchtung. So sind die Straßenzüge heutzutage schon Ende November wunderbar weihnachtlich geschmückt und strahlen in der dunklen Zeit in besonderem Glanze.
In vergangenen Zeiten wurde noch nicht so intensiv geschmückt wie heute. Die Adventszeit spielte sich vielmehr innerhalb der Häuser ab. Vor dem ersten Advent machten sich die Männer auf in den Wald, um einige Tannenzweige zu holen. Dies war auch eine gute Gelegenheit, um schon mal nach dem Christbaum für das Fest Ausschau zu halten. Häufig musste Ende November schon durch Schnee gestapft werden, was wiederum für verräterische Spuren sorgte. Die Tannen- oder Fichtenzweige wurden zum ersten Advent zu einem Adventskranz gebunden. Je nach vorhandenem Platz war dieser mal größer, mal kleiner. Der Trend zu grünen Zweigen oder „Dannenreisig“ kam allmählich auf, um in der tristen, dunklen Jahreszeit in der guten Stube etwas Grün zu haben und sich auf das eigentliche Weihnachtsfest einzustimmen. Der Kranz selbst, wurde mit vier roten Kerzen bestückt und mit ein paar Walnüssen, sowie Kiefernbuzzele geziert. Ein rotes Kreppband hielt den Kranz zusammen und an den vier Adventssonntagen wurde dann im Beisein der Familie Adventslieder gesungen sowie eine Kerze mehr angezündet. Sämtliche Kerzen welche für die Weihnachtszeit benötigt wurden, stellten die Familien zumeist selbst her. Hierzu wurde Wachs, zumeist aus Paraffin, auf dem heißen Küchenofen verflüssigt und danach an einer Dochtschnur gezogen.
Mit dem ersten Advent beginnt die Vorweihnachtszeit. Vor dem ersten Adventssonntag herrschte damals wie heute eine geordnete Hektik. Die Aufgaben innerhalb der Familien sind seit je her genau verteilt und jeder weiß was er zu tun hat. Die Frauen schmücken das Haus, die Männer sorgen für die Beleuchtung. So sind die Straßenzüge heutzutage schon Ende November wunderbar weihnachtlich geschmückt und strahlen in der dunklen Zeit in besonderem Glanze.
In vergangenen Zeiten wurde noch nicht so intensiv geschmückt wie heute. Die Adventszeit spielte sich vielmehr innerhalb der Häuser ab. Vor dem ersten Advent machten sich die Männer auf in den Wald, um einige Tannenzweige zu holen. Dies war auch eine gute Gelegenheit, um schon mal nach dem Christbaum für das Fest Ausschau zu halten. Häufig musste Ende November schon durch Schnee gestapft werden, was wiederum für verräterische Spuren sorgte. Die Tannen- oder Fichtenzweige wurden zum ersten Advent zu einem Adventskranz gebunden. Je nach vorhandenem Platz war dieser mal größer, mal kleiner. Der Trend zu grünen Zweigen oder „Dannenreisig“ kam allmählich auf, um in der tristen, dunklen Jahreszeit in der guten Stube etwas Grün zu haben und sich auf das eigentliche Weihnachtsfest einzustimmen. Der Kranz selbst, wurde mit vier roten Kerzen bestückt und mit ein paar Walnüssen, sowie Kiefernbuzzele geziert. Ein rotes Kreppband hielt den Kranz zusammen und an den vier Adventssonntagen wurde dann im Beisein der Familie Adventslieder gesungen sowie eine Kerze mehr angezündet. Sämtliche Kerzen welche für die Weihnachtszeit benötigt wurden, stellten die Familien zumeist selbst her. Hierzu wurde Wachs, zumeist aus Paraffin, auf dem heißen Küchenofen verflüssigt und danach an einer Dochtschnur gezogen.
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Der Adventskranz geht zurück auf Johann Hinrich Wichern. Dieser war Leiter eines Hamburger Waisenhauses und Mitbegründer der Diakonie in Norddeutschland. Im Jahre 1839 zündete er zur Adventszeit für die Waisenhauskinder, täglich eine weitere rote Kerze an. Für die Adventssonntage hatte er vier weiße Kerzen, um so den Adventskranz zu vierteln. Alle Kerzen ließ er zuvor auf einem hölzernen Wagenrad befestigen, welches mitten im Betsaal des Waisenhauses hing.
Mit dem täglich zunehmenden Kerzenlicht wollte er den Heimkindern die Wartezeit auf Weihnachten verkürzen. Ganz nebenbei führte er die Kinder auf diese Weise hin zum Sinn des Christfestes: „Weihnachten ist das Licht der Welt“ und lehrte den Kleinen zudem das Zählen. Das „Kerzenrad“ sorgte schnell für Nachahmer und so setzte sich dieses allmählich überall durch. Bis zum Ende des 19 Jh. wurde das hölzerne Wagenrad schließlich überall durch einen Kranz ersetzt und es blieben auch nur noch die vier Kerzen der Adventssonntage übrig, denn wer hat in der guten Stube schon Platz für ein Holzwagenrad. Anders als zu Zeiten von Hinrich Wichern, wurden die vier Adventskerzen in Kirchen und in der Öffentlichkeit nun in der Farbe |
Kultig, eine original Adventskranz-Verpackung der 1960er Jahre, wie er sich zu jener Zeit in tausenden deutschen Haushalten wiederfand.
Bild/Repro: Thomas Müller |
Rot gehalten. Privat kennt man heute allerdings für die Adventskränze hinsichtlich Form, Schmuck, Farben und Lichtertechnik keinerlei Grenzen mehr.
Eine weitere Art um der Ungeduld der Kinder in der Weihnachtszeit entgegenzuwirken, ist der Adventskalender. Der Pfarrersohn Gerhard Lang aus Maulbronn hatte Anfang des 20. Jh. die Idee, jeden Dezembertag vor Weihnachten ein Bildchen zu sammeln. Die Inspiration hierzu lieferte ihm seine Mutter die ihm als Kind 24 Gebäckstücke auf Karton nähte, wovon er im Dezember täglich eines essen durfte. So brachte Gerhard Lang im Jahr 1904 einen Bilderkalender als Beilage einer Stuttgarter Zeitung heraus. Dieser enthielt einen Bogen mit 24 Bildern zum Ausschneiden und einen weiteren Bogen mit 24 Feldern für die herausgeschnittenen Bildchen, zum Aufkleben und Sammeln. Somit war der der erste Adventskalender für die 24 Dezembertage vor dem Fest geboren. Um 1920 hatte er bereits eine Weiterentwicklung mit einem Kalender, bei dem die Kinder Türchen öffnen konnten. Gerhard Lang entwickelte immer wieder neue Varianten. So folgte zunächst ein „Christkindleshaus“ welches er mit Schokolade füllte. Im Jahr 1925 brachte Gerhard Lang schließlich den ersten Schokoladenkalender auf den Markt.
Eine weitere Art um der Ungeduld der Kinder in der Weihnachtszeit entgegenzuwirken, ist der Adventskalender. Der Pfarrersohn Gerhard Lang aus Maulbronn hatte Anfang des 20. Jh. die Idee, jeden Dezembertag vor Weihnachten ein Bildchen zu sammeln. Die Inspiration hierzu lieferte ihm seine Mutter die ihm als Kind 24 Gebäckstücke auf Karton nähte, wovon er im Dezember täglich eines essen durfte. So brachte Gerhard Lang im Jahr 1904 einen Bilderkalender als Beilage einer Stuttgarter Zeitung heraus. Dieser enthielt einen Bogen mit 24 Bildern zum Ausschneiden und einen weiteren Bogen mit 24 Feldern für die herausgeschnittenen Bildchen, zum Aufkleben und Sammeln. Somit war der der erste Adventskalender für die 24 Dezembertage vor dem Fest geboren. Um 1920 hatte er bereits eine Weiterentwicklung mit einem Kalender, bei dem die Kinder Türchen öffnen konnten. Gerhard Lang entwickelte immer wieder neue Varianten. So folgte zunächst ein „Christkindleshaus“ welches er mit Schokolade füllte. Im Jahr 1925 brachte Gerhard Lang schließlich den ersten Schokoladenkalender auf den Markt.
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Thomas Müller, Schloßau im Dezember 2020
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Die Weltwirtschaftskrise und Kriegsjahre des Zweiten Weltkrieges bremsten jedoch den Siegeszug dieser Variante. So kamen die Schokokalender als Massenware erst in den 1960er Jahren in die Läden. Inzwischen gibt es alljährlich schon im September die ersten Schoko-Adventskalender, so dass man die Adventszeit gleich mehrfach hintereinander abdecken kann. Auch der Einfallsreichtum der Industrie kennt hinsichtlich der Kalenderinhalte inzwischen keinerlei Grenzen des guten Geschmacks. So gibt es Kalender mit Spielzeug sowohl für kleine, als auch für erwachsene Kinder - na ja, wem es gefällt!
Vorweihnachtlicher Lichterglanz in Schloßau. Bild: Thomas Müller |
Teil 4
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Der Nikolaus kommt
Vom heiligen Nikolaus, Knecht Ruprecht, Weihnachtsmann, Krampus und Pelznickel „Lustig, lustig trallallalalla, bald ist Nikolausabend da!“ Den Refrain des bekannten Nikolausliedes kennt nahezu jedes Kind, denn er läutet quasi den Nikolaustag oder um genauer zu sein, den Abend davor ein. Am 05.12. ist Nikolausabend, der Abend wo üblicherweise Schuhe oder Stiefel vor die Tür gestellt werden, die am nächsten Morgen – dem eigentlichen Nikolaustag – für strahlende Kinderaugen sorgen. Im Gegensatz zu vielen anderen Regionen besuchte im Odenwald früher nicht der Nikolaus, sondern der Pelznickel die Kinder. Zur Verkleidung eines Pelznickeldarstellers wurde diesem ein alter (Militär)mantel angezogen, das Gesicht geschwärzt und dieses zudem mit einem Bart aus braunem Hanf bedeckt. Er trug einen Hut |
Der Weihnachtsmann im Jahr 1999, wie man ihn heutzutage als Gabenüberbringer kennt .
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mit breitem Rand und ein paar schwere Stiefel. Im Vergleich zum Nikolaus oder zum Weihnachtsmann, wurde er auf diese Weise zu einer eher düsteren Gestalt.
Um dem noch einen drauf zu setzen, band man ihm eine schwere Kette um den Bauch und gab ihm eine Rute sowie einen Kartoffelsack für die besonders bösen Kinder mit. Derjenige, der für alle Fälle schon mal ein Taschenmesser eingesteckt hatte, war eindeutig im Vorteil! An diesem Tag wurde nämlich mit den Kindern abgerechnet. Der Pelznickel sprach hierzu auf ungehobelte Art und Weise wenig Lob und viel mehr Tadel aus. Manches Kind war danach von der Rute gezeichnet und auch noch Tage später traumatisiert. Hauptsache welsch, war die Devise. Die Rute blieb üblicherweise im Haushalt zurück, um später bei Bedarf zur Züchtigung der Kinder eingesetzt zu werden. Trotzdem brachte der Pelznickel Nüsse, Trockenobst oder andere Kleinigkeiten aus Mutters Küche. Nach dem Krieg kamen zu diesen Gaben noch Schokolade und Mandarinen hinzu. Nach seiner Aufführung verließ er wieder das Haus und machte sich auf zum Nächsten. Heute würde bei derartigen Umgangsformen anstatt der Kinder sicherlich das Jugendamt in der guten Stube warten und daraufhin eher den Darsteller abführen, anstatt dieser die „bösen“ Kinder.
Entwickelt hat sich dieses Schauspiel um den Pelznickel aus der Geschichte des hl. Nikolaus aus Myra in Kleinasien. Nahezu jedes Kleinkind kennt heute das Wirken des Bischofs aus dem 4.Jh.. Von ihm wurde die Nikolausfigur mit Bischofsgewand, Mitra und Bischofsstab abgeleitet. Bis ins 16 Jh. brachten die Darsteller am 05. bzw. 06. Dezember alljährlich Äpfel, Nüsse und getrocknetes Obst. Zur Zeit der Reformation wollte man jedoch die Geburt Christi in den Vordergrund stellen und so hat vor allem in protestantischen Regionen das Christkind den Nikolaus als Gabenbringer abgelöst. Allmählich hat sich dieses schließlich zum 24.12. auch in den eher katholischen Regionen durchgesetzt. Das Nikolausspiel hat man als kleines Gabenfest zum Todestag des Heiligen, dem 06.Dezember, beibehalten. Im Odenwald wurde die strahlende Bischofsgestalt schließlich immer mehr durch den eher schmutzig daherkommenden Pelznickel abgelöst. Der Name dieser Figur ist abgeleitet vom Wort „Pelz“ das zweierlei Bedeutung hat. Einerseits der Bezug zum Pelz(mantel). Andererseits gilt „Pelzen“ in verschiedenen Odenwaldregionen auch als ein Synonym für „Krawallmachen“. Zudem der Anhang „Nickel“ als Ableitung von Nikolaus. Warum man aber gerade eine derartig düstere Figur für einen Gabenbringer schuf, ist nicht genau überliefert. Eine mögliche Antwort wäre, dass ein Bischofsgewand in den ländlichen, weit gestreuten Häusergruppen kaum vorhanden war und für einen einzigen Auftritt im Jahr, wollten sich die Haushalte ein solches Kostüm sicherlich nicht vorhalten. Dieses wurde am Nikolausabend in den kinderreichen Haushalten zudem überall gebraucht, weshalb ein Ausleihen ebenfalls kaum denkbar war. Somit machte die Not erfinderisch, denn ein alter Mantel, etwas Hanf, ein Hut sowie Ruß und eine Kuhkette waren überall verfügbar. Am Ende war die Pelznickelfigur, bestehend aus lauter haushaltsüblichen Dingen geboren und passend zum Outfit musste er dann auch möglichst ungehobelt auftreten.
Die Figur des heiligen Nikolaus wird heute gerne zusammen mit dem Knecht Ruprecht dargestellt, der als Begleiter zumeist das Amt des Geschenkeschleppers innehat. Auch dieser tritt bereits im Mittelalter als eher düstere Gestalt auf, welche die Kinder zur Frömmigkeit ermahnen soll. Sein Ursprung ist wohl in Thüringen und der Alpenregion zu suchen wo er „Krampus“ genannt wird. Nikolaus und Knecht Ruprecht sind vor allem bei öffentlichen Auftritten eine gern gesehene Abwechslung. In den Privathaushalten ist inzwischen der Weihnachtsmann der am häufigsten auftretende Gabenüberbringer. Für ihn sind die Verkleidungsgewänder inzwischen als Massenware günstig erhältlich. Der Weihnachtsmann hat seinen Ursprung im pfälzischen Landau. Dort wurde sein Erfinder, Thomas Nast, am 26.09.1840 geboren. Jene Zeit war geprägt von großen politischen Unruhen in unserer Region, denn die Badische Revolution lag gerade in ihren Anfängen. Ein Bevölkerungswachstum ging in dieser Zeit mit einer Nahrungsmittelknappheit einher. Im Jahr 1846 beschloss die Familie Nast zusammen mit 150000 weiteren Pfälzern, nach Amerika auszuwandern. Die Mutter und die ältere Schwester reisten zusammen mit dem kleinen Thomas über Paris in die USA. Der Vater blieb zurück denn er musste zuerst noch seine Militärzeit als Musiker einer Militärkapelle beenden. Im Anschluss folgte auch er der Familie, verstarb aber bald darauf mit 46 Jahren. Thomas Nast hatte ein Talent zum Zeichnen und bekam Zeichenunterricht. Mit seinen Zeichnungen musste er früh zur Ernährung von Mutter und Schwester beitragen. Ein Bevölkerungswachstum ging in dieser Zeit mit einer Nahrungsmittelknappheit einher. Im Jahr 1846 beschloss die Familie Nast zusammen mit 150000 weiteren Pfälzern, nach Amerika auszuwandern. Die Mutter und die ältere Schwester reisten zusammen mit dem kleinen Thomas über Paris in die USA. Der Vater blieb zurück denn er musste zuerst noch seine Militärzeit als Musiker einer Militärkapelle beenden. Im Anschluss folgte auch er der Familie, verstarb aber bald darauf mit 46 Jahren. Thomas Nast hatte ein Talent zum Zeichnen und bekam Zeichenunterricht. Mit seinen Zeichnungen musste er früh zur Ernährung von Mutter und Schwester beitragen. Als 15jähriger machte er schließlich sein Hobby zum Beruf und begann für den Zeitungsverlag „Habers Weekly“ sehr erfolgreich zu zeichnen. Vor allem der amerikanische Bürgerkrieg wurde von ihm sehr genau wiedergegeben, wodurch er zum berühmtesten Karikaturisten Amerikas heranwuchs.
Um dem noch einen drauf zu setzen, band man ihm eine schwere Kette um den Bauch und gab ihm eine Rute sowie einen Kartoffelsack für die besonders bösen Kinder mit. Derjenige, der für alle Fälle schon mal ein Taschenmesser eingesteckt hatte, war eindeutig im Vorteil! An diesem Tag wurde nämlich mit den Kindern abgerechnet. Der Pelznickel sprach hierzu auf ungehobelte Art und Weise wenig Lob und viel mehr Tadel aus. Manches Kind war danach von der Rute gezeichnet und auch noch Tage später traumatisiert. Hauptsache welsch, war die Devise. Die Rute blieb üblicherweise im Haushalt zurück, um später bei Bedarf zur Züchtigung der Kinder eingesetzt zu werden. Trotzdem brachte der Pelznickel Nüsse, Trockenobst oder andere Kleinigkeiten aus Mutters Küche. Nach dem Krieg kamen zu diesen Gaben noch Schokolade und Mandarinen hinzu. Nach seiner Aufführung verließ er wieder das Haus und machte sich auf zum Nächsten. Heute würde bei derartigen Umgangsformen anstatt der Kinder sicherlich das Jugendamt in der guten Stube warten und daraufhin eher den Darsteller abführen, anstatt dieser die „bösen“ Kinder.
Entwickelt hat sich dieses Schauspiel um den Pelznickel aus der Geschichte des hl. Nikolaus aus Myra in Kleinasien. Nahezu jedes Kleinkind kennt heute das Wirken des Bischofs aus dem 4.Jh.. Von ihm wurde die Nikolausfigur mit Bischofsgewand, Mitra und Bischofsstab abgeleitet. Bis ins 16 Jh. brachten die Darsteller am 05. bzw. 06. Dezember alljährlich Äpfel, Nüsse und getrocknetes Obst. Zur Zeit der Reformation wollte man jedoch die Geburt Christi in den Vordergrund stellen und so hat vor allem in protestantischen Regionen das Christkind den Nikolaus als Gabenbringer abgelöst. Allmählich hat sich dieses schließlich zum 24.12. auch in den eher katholischen Regionen durchgesetzt. Das Nikolausspiel hat man als kleines Gabenfest zum Todestag des Heiligen, dem 06.Dezember, beibehalten. Im Odenwald wurde die strahlende Bischofsgestalt schließlich immer mehr durch den eher schmutzig daherkommenden Pelznickel abgelöst. Der Name dieser Figur ist abgeleitet vom Wort „Pelz“ das zweierlei Bedeutung hat. Einerseits der Bezug zum Pelz(mantel). Andererseits gilt „Pelzen“ in verschiedenen Odenwaldregionen auch als ein Synonym für „Krawallmachen“. Zudem der Anhang „Nickel“ als Ableitung von Nikolaus. Warum man aber gerade eine derartig düstere Figur für einen Gabenbringer schuf, ist nicht genau überliefert. Eine mögliche Antwort wäre, dass ein Bischofsgewand in den ländlichen, weit gestreuten Häusergruppen kaum vorhanden war und für einen einzigen Auftritt im Jahr, wollten sich die Haushalte ein solches Kostüm sicherlich nicht vorhalten. Dieses wurde am Nikolausabend in den kinderreichen Haushalten zudem überall gebraucht, weshalb ein Ausleihen ebenfalls kaum denkbar war. Somit machte die Not erfinderisch, denn ein alter Mantel, etwas Hanf, ein Hut sowie Ruß und eine Kuhkette waren überall verfügbar. Am Ende war die Pelznickelfigur, bestehend aus lauter haushaltsüblichen Dingen geboren und passend zum Outfit musste er dann auch möglichst ungehobelt auftreten.
Die Figur des heiligen Nikolaus wird heute gerne zusammen mit dem Knecht Ruprecht dargestellt, der als Begleiter zumeist das Amt des Geschenkeschleppers innehat. Auch dieser tritt bereits im Mittelalter als eher düstere Gestalt auf, welche die Kinder zur Frömmigkeit ermahnen soll. Sein Ursprung ist wohl in Thüringen und der Alpenregion zu suchen wo er „Krampus“ genannt wird. Nikolaus und Knecht Ruprecht sind vor allem bei öffentlichen Auftritten eine gern gesehene Abwechslung. In den Privathaushalten ist inzwischen der Weihnachtsmann der am häufigsten auftretende Gabenüberbringer. Für ihn sind die Verkleidungsgewänder inzwischen als Massenware günstig erhältlich. Der Weihnachtsmann hat seinen Ursprung im pfälzischen Landau. Dort wurde sein Erfinder, Thomas Nast, am 26.09.1840 geboren. Jene Zeit war geprägt von großen politischen Unruhen in unserer Region, denn die Badische Revolution lag gerade in ihren Anfängen. Ein Bevölkerungswachstum ging in dieser Zeit mit einer Nahrungsmittelknappheit einher. Im Jahr 1846 beschloss die Familie Nast zusammen mit 150000 weiteren Pfälzern, nach Amerika auszuwandern. Die Mutter und die ältere Schwester reisten zusammen mit dem kleinen Thomas über Paris in die USA. Der Vater blieb zurück denn er musste zuerst noch seine Militärzeit als Musiker einer Militärkapelle beenden. Im Anschluss folgte auch er der Familie, verstarb aber bald darauf mit 46 Jahren. Thomas Nast hatte ein Talent zum Zeichnen und bekam Zeichenunterricht. Mit seinen Zeichnungen musste er früh zur Ernährung von Mutter und Schwester beitragen. Ein Bevölkerungswachstum ging in dieser Zeit mit einer Nahrungsmittelknappheit einher. Im Jahr 1846 beschloss die Familie Nast zusammen mit 150000 weiteren Pfälzern, nach Amerika auszuwandern. Die Mutter und die ältere Schwester reisten zusammen mit dem kleinen Thomas über Paris in die USA. Der Vater blieb zurück denn er musste zuerst noch seine Militärzeit als Musiker einer Militärkapelle beenden. Im Anschluss folgte auch er der Familie, verstarb aber bald darauf mit 46 Jahren. Thomas Nast hatte ein Talent zum Zeichnen und bekam Zeichenunterricht. Mit seinen Zeichnungen musste er früh zur Ernährung von Mutter und Schwester beitragen. Als 15jähriger machte er schließlich sein Hobby zum Beruf und begann für den Zeitungsverlag „Habers Weekly“ sehr erfolgreich zu zeichnen. Vor allem der amerikanische Bürgerkrieg wurde von ihm sehr genau wiedergegeben, wodurch er zum berühmtesten Karikaturisten Amerikas heranwuchs.
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Bischof Nikolaus kam im Jahr 1970 mit dem Pferd zu den Kindern der Bediensteten ins Schloss Waldleiningen. Mit dabei hatte er ein separates Pferd mit einem Sack voller Geschenke.
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Inspiriert vom „pfälzischen Pelznickel“, holländischen „Senta Class“ und vom englischen „Father Christmas“, allesamt Figuren die von europäischen Auswanderern mitgebracht wurden, zeichnete Nast im Jahr 1863 einen Weihnachtsmann für die Zeitung. Dies war die Geburtsstunde von Santa Claus. Der gemütliche alte Mann wurde bald zum Erfolgsgaranten von Thomas Nast und das mitten im Amerikanischen Bürgerkrieg. In den Jahren danach zeichnete er immer neue Varianten des alten Mannes und stellte diesen vermehrt als freundliche Figur dar, vor dem kein Kind Angst haben musste. Er wurde inzwischen als Geschenkebringer und Wünsche-Erfüller präsentiert. Den weltweiten Siegeszug des bärtigen Mannes konnte er allerdings nicht mehr erleben, denn Thomas Nast starb bereits 1902 in Lateinamerika. In den 1930er Jahren wurde die Figur des Weihnachtsmannes erstmals von Coca Cola verwendet, denn seine Farben entsprachen auch den Traditionsfarben des Brauseherstellers. Heute kennt den Weihnachtsmann jedes Kind, denn in der Winterzeit lauert er überall auf, häufig in Verbindung mit einem Rentierschlitten, vollgepackt mit Geschenken, welche in Zeichentrickfilmen auch gerne mal durch den hauseigenen Kamin angeliefert werden. Na wenn da mal kein Feuer brennt!
Thomas Müller, Schloßau im Dezember 2020 |
Teil 5
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Der Christbaum ist der schönste Baum
Zwei Tage nach dem Nikolaustag feiern die Katholiken Maria Empfängnis. Diesem Tag wird allerdings in unserer Region kein besonderes Brauchtum beigemessen.In anderen Ländern wie in Österreich oder Spanien ist er hingegen sogar ein gesetzlicher Feiertag. Mitten im Advent, am 13. Dezember feiert die katholische Kirche den Gedenktag der heiligen Lucia. An diesem Tag steht die Wiederkehr des Lichts im Mittelpunkt. Im alpenländischen Raum wurden selbst gebastelte Lichterhäuser auf einem fließenden Gewässer zusammen mit einem Kerzenlicht ausgesetzt.Den Kindern wurden dort zudem auch gerne furchteinflößende Schauermärchen von der „grauslichen Luci“ erzählt. Mancherorts ließ man früher zur heiligen Lucia in den kleinen Häusernischen mit Heiligenfiguren, gerne ein Licht brennen oder zündete dort eine Kerze an. Der Lichterbrauch zur heiligen Lucia kam ehemals von Schweden zu uns nach Deutschland und soll daran erinnern, dass den Christen bald das Licht der Welt erscheinen wird. Danach ist es nicht mehr lange hin bis Weihnachten. Zeit den Christbaum zu „organisieren“. Etwa im halben Advent beschafften in früheren Zeiten die Männer eine kleine Fichte, gefragt oder ungefragt! Nach Meinung der Männer, war der Christbaum am Weihnachtsabend umso schöner, je weniger er gekostet hatte! Zumeist hatten sie schon über das gesamte Jahr einen schönen Baum auserkoren, der schließlich an Heilig Abend das Weihnachtszimmer schmücken sollte. Tiefer Schnee erschwerte häufig das Unterfangen und so manche verräterische Spur führte |
Zum Luciatag am 13.12. ließ man vielerorts gerne ein Licht oder eine Kerze in den Häusernischen der Heiligenfiguren brennen.
Bild: Thomas Müller |
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Mehrere Generationen der Familie Nörbel aus Schloßau nach der Bescherung, 1933 um einen kleinen Christbaum. Bild: Familie Nörbel, Repro: Thomas Müller
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letztendlich doch nach Hause zum Dieb. An den Forstämtern konnte man hingegen Weihnachtsbäume auch schon früher käuflich erwerben, ganz ohne Gefahr erwischt zu werden.
Der Christbaumbrauch ging darauf zurück, die Wohnung in der tristen Jahreszeit etwas zu begrünen. Das „einfache Volk“ bediente sich hierfür zunächst grüner Zweige und „Dannenreisig“. Die Anfänge des Weihnachtsbaums lassen sich im Jahr 1521 im Elsass ergründen. In der französischen Stadt Se’lestat hängte man in der Kirche die Weihnachtsbäume an ihrer Spitze an die Kirchendecke und schmückte sie mit Gebackenem, Nüssen, Äpfeln und weiteren essbaren Artikeln. Auf diese Weise kam man den Nagern zuvor, die auch ein Interesse an dem essbaren Weihnachtsschmuck hatten. Die hängenden Bäume von Se’lestat sind übrigens auch heute noch ein einmaliger Anblick. Auch in Straßburg lassen sich bei wohlhabenden Familien bereits ab dem 17. Jh. Christbäume finden, die |
mit allerlei Leckereien, vor allem aber mit Äpfeln geziert waren, welche an den Paradiesapfel erinnern sollten, weshalb er dort auch Paradiesbaum genannt wurde.
Auch in Straßburg wurde er aufgehängt, allerdings mit der Spitze nach unten. Um 1830 wurden in Thüringen und den Glashütten des Bayrischen Waldes erstmals Christbaumkugeln aus Glas geblasen. Das Jahr 1858 war ein ausgesprochen schlechtes Erntejahr. Aus Mangel an Äpfeln blies damals einen Glasbläser aus dem elsässischen Meisental handgroße, rote Glaskugeln. Somit waren die roten Christbaumkugeln als Ersatz für die Äpfel entstanden. Der Weihnachtsschmuck entwickelte sich weiter und bald wurden die Bäume mit allen möglichen Dingen geschmückt. Zum 1870/71er Krieg wurden sogar Kriegsutensilien an den Weihnachtsbaum gehängt. Für die Baumspitze stand übrigens die preußische Pickelhaube Modell, deren Form sich bis heute gehalten hat. Gerade auf dem Lande bastelten die Kinder und Frauen für den Weihnachtsbaum auch Strohsterne.
Auch in Straßburg wurde er aufgehängt, allerdings mit der Spitze nach unten. Um 1830 wurden in Thüringen und den Glashütten des Bayrischen Waldes erstmals Christbaumkugeln aus Glas geblasen. Das Jahr 1858 war ein ausgesprochen schlechtes Erntejahr. Aus Mangel an Äpfeln blies damals einen Glasbläser aus dem elsässischen Meisental handgroße, rote Glaskugeln. Somit waren die roten Christbaumkugeln als Ersatz für die Äpfel entstanden. Der Weihnachtsschmuck entwickelte sich weiter und bald wurden die Bäume mit allen möglichen Dingen geschmückt. Zum 1870/71er Krieg wurden sogar Kriegsutensilien an den Weihnachtsbaum gehängt. Für die Baumspitze stand übrigens die preußische Pickelhaube Modell, deren Form sich bis heute gehalten hat. Gerade auf dem Lande bastelten die Kinder und Frauen für den Weihnachtsbaum auch Strohsterne.
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Stroh war in der Landwirtschaft schließlich reichlich vorhanden. Als erste Christbaumständer dienten zunächst noch geteilte Futterrüben oder aufgebohrte Holzklötze. Zum Weihnachtsschmuck kamen allmählich noch Wachskerzen hinzu, denn die Kugeln glänzten im Kerzenlicht und zudem wurde damit der eigentliche Sinn des Weihnachtsfestes symbolisiert. 1878 gab es in Nürnberg eine weitere Ergänzung.Mit der Verwendung von Bleilametta in kleinen Bündeln wurden glitzernde Eiszapfen nachvollzogen. Das teure Lametta wurde nach dem Fest gebügelt, um es im nächsten Jahr erneut verwenden zu können.Allmählich wurden die Fichtenbäume ergänzt durch Blaufichten, Kiefernbäume und Nobilistannen. Künstlicher Schnee aus Zuckerguss vermittelte das Gefühl von weißer Weihnacht in der guten Stube. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen zu den Fichten und Kiefern noch Nordmanntannen hinzu, die inzwischen auf riesigen Plantagen für den alljährlichen Bedarf gezogen werden. Heute sind die Odenwälder Weihnachtsbäume zu einem regelrechten Industriezweig geworden. Auch der Baumschmuck hat sich gewandelt. Wachskerzen wurden von Elektrolichtern abgelöst, das Bleilametta ist ganz verschwunden, der künstliche Schnee kommt allenfalls noch aus der Spraydose und die Christbaumkugeln spiegeln in jedem Jahr eine aktuelle Trendfarbe wider. Aber keine Sorge, irgendwann kommt jede Farbe wieder. Wohl dem der einen großen Speicher hat!
Christkind Mathilde Grünwald in Ernsttal während dem Krieg vor einem reich geschmückten Christbaum, mit allem was dazu gehört. Bild: Familie Grünwald, Repro: Thomas Müller |
Thomas Müller, Schloßau im Dezember 2020
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Teil 6
Die Weihnachtskrippe zeigt die Geburt in Bethlehem
„Gloria in excelsis deo“ - Ehre sei Gott in der Höhe! Mit diesen Worten verkündete vor mehr als 2020 Jahren der Engel Gabriel, den Hirten vor der Stadt Bethlehem die freudige Nachricht von der Geburt des Messias, Jesus Christus. Diese Szene findet sich inzwischen alljährlich über die Weihnachtszeit in vielen Haushalten der Christen, dargestellt durch eine geschmückte Krippe, wieder. Häufig ist selbige samt Interieur und Figuren über Generationen weitervererbt worden und genießt somit vor allem einen ideellen Wert innerhalb der Familien. Die Verkörperung der Weihnachtsszene geht zurück auf den Franziskanermönch Franz von Assisi, der im Jahr 1223 zunächst das Jesuskind mit einem lebendigen Esel sowie einem Ochsen in einer Höhle zeigte. Josef und Maria wurden der Darstellung erst später zugefügt, ebenso Hirten samt deren Schafe.
„Gloria in excelsis deo“ - Ehre sei Gott in der Höhe! Mit diesen Worten verkündete vor mehr als 2020 Jahren der Engel Gabriel, den Hirten vor der Stadt Bethlehem die freudige Nachricht von der Geburt des Messias, Jesus Christus. Diese Szene findet sich inzwischen alljährlich über die Weihnachtszeit in vielen Haushalten der Christen, dargestellt durch eine geschmückte Krippe, wieder. Häufig ist selbige samt Interieur und Figuren über Generationen weitervererbt worden und genießt somit vor allem einen ideellen Wert innerhalb der Familien. Die Verkörperung der Weihnachtsszene geht zurück auf den Franziskanermönch Franz von Assisi, der im Jahr 1223 zunächst das Jesuskind mit einem lebendigen Esel sowie einem Ochsen in einer Höhle zeigte. Josef und Maria wurden der Darstellung erst später zugefügt, ebenso Hirten samt deren Schafe.
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Im Zuge der Gegenreformation stellte die Ordensgemeinschaft der Jesuiten diese Geburtsszene im ausgehenden 16. Jh. vermehrt in Kirchen auf. Erst mehrere Verbote der Darstellung weihnachtlicher Krippen in öffentlichen Gebäuden und Kirchen, wie z.B. am 22.11.1784 im Fürstbistum Salzburg, ebneten allmählich den Weg für privat aufgestellte Weihnachtskrippen. Während dieser Verbote wurden die Krippen nämlich heimlich von Christen aus den Kirchen geholt und zu Hause aufgestellt. Nachdem die jeweiligen Krippenverbote wieder aufgehoben waren, stellten Christen nachgebildete Krippen weiterhin zu Hause auf. Diese Tradition setzte sich vor allem ab dem 19. Jh. immer weiter fort und leitete so den Siegeszug der Weihnachtskrippe ein. Im Alpenländischen Raum entwickelten sich schließlich regelrechte Manufakturen zur Herstellung der vermehrt benötigten Weihnachtskrippen samt den dazugehörenden, handgeschnitzten Figuren.
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Der Erzengel Gabriel über der Krippenanlage der Schloßauer Kirche verkündet die Botschaft von der Geburt Jesu Christi. Bild: Thomas Müller
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Ein echtes Einzelstück ist die Weihnachtskrippe der Schloßauer Kirche St. Wolfgang. Ihre Herstellung war vor 50 Jahren ein Wettlauf gegen die Zeit. Seinerzeit ging in Schloßau eine jahrelange Kirchenrenovierung zu Ende und der sehr rührige Pfarrer, Johann Buchdunger, hatte in der Zeit seines Wirkens durch Mithilfe der Schloßauer Bevölkerung, neben den aufgeführten Renovierungsarbeiten bereits drei Wegekapellen errichtet. Nun sollte der neu gestaltete Kircheninnenraum zur Weihnachtszeit noch mit einer neuen Weihnachtskrippe ausgeschmückt werden. Als Pfarrer Buchdunger Ende November 1970 sein Moped mit einem Plan und zwei alten Bettladen bepackte, um seine Idee bei einigen Rentnern vorzustellen, herrschte bereits eisige Kälte im Odenwald. Die Rentner machten sich gemeinsam ans Werk und hobelten zu allererst in der ehemaligen Schreinerei Baier, eine ausreichende Menge an Brettern für die Wände. Zur Verkleidung selbiger und für das Krippendach, war Baumrinde vorgesehen. Allerdings führen die Bäume im Winter nur wenig Wasser und die Rinde war durch den Frost zudem am Baumstamm festgefroren. Also organisierten die Rentner ganze Baumrollen, die kurzerhand in einem Wurstkessel gekocht wurden. Danach löste sich die Rinde von alleine!
Doch mit der nassen Rinde konnten die Krippenbauer noch nichts anfangen. Sehr zum Unmut der Hausfrauen, wurde diese also daheim in den Küchen getrocknet, wo natürlich auch die Weihnachtsbäckerei in vollem Gange war. Man stelle sich vor, da liegt wohl riechende Fichtenrinde gleich neben noch besser riechenden Anisplätzchen und Lebkuchen. Als die Rinde schließlich trocken war, konnte das Werk doch noch rechtzeitig zum Weihnachtsfest 1970 fertiggestellt werden. Mit Moos und Heu geschmückt, hielten schließlich die ebenfalls neu eingekleideten Krippefiguren aus alter Zeit, Einzug. Bis zu seinem Weggang im Jahr 1975, war es Pfarrer Johann Buchdunger stets ein Anliegen, an der neuen Weihnachtskrippe selbst Hand anzulegen. Als versierter Bastler integrierte er sogar einen kleinen Wasserlauf in der weihnachtlichen Anlage. Abgerundet wird die Schloßauer Krippe durch das Hintergrundbild. Dieses stammt von dem Odenwaldmaler Arthur Grimm, der es nach dem Krieg für die Vorgängerkrippe fertigte.
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Seit 50 Jahren wird in der Schloßauer Kirche St. Wolfgang eine große Krippenanlage aufgestellt, die damals auf Initiative des Pfarrers von den Bürgern angefertigt wurde.
Bild: Thomas Müller |
Ein wenig erfreuliches Ereignis erlebte die Kirchenkrippe vor einigen Jahren, als das Jesuskind mitten am Tag gestohlen wurde. Von seinem Gewissen geplagt, warf es der Dieb damals in den Schloßauer Dorfbrunnen, wo die Figur während einer Brunnenreinigung total beschädigt aufgefunden wurde. Inzwischen war von dem Schloßauer Künstler, Karl Wendel, ein „Ersatzkind“ geschnitzt worden, das seither im Stall liegt!
Wer die Schloßauer Krippe einmal erleben möchte, tut dies am besten während eines Gottesdienstes in der Weihnachtszeit, bis zum 02. Februar. Unter Hinzunahme der Weihnachtsbeleuchtung kommt die gesamte Anlage auf diese Weise erst richtig zur Geltung. Die beiden Bettladen, die Pfarrer Buchdunger einst auf seinem Moped bei den Rentnern ablieferte, wurden übrigens nicht verwendet. Sie standen vor wenigen Jahren immer noch in der Werkstatt der Nachkommen. Vielleicht kann sie ja jemand für den Bau einer Weihnachtskrippe brauchen. Thomas Müller, Schloßau im Dezember 2020 |
Teil 7
Das Christkind als Geschenkebringer
Mit dem 24. Dezember endet schließlich der Advent und es beginnt die Weihnachtszeit. Der Adventskranz wird durch die Weihnachtskrippe und den Christbaum abgelöst und das Christkind steht bei uns als Gaben- oder besser als Geschenkebringer in den Startlöchern. Die Figuren dieser weihnachtlichen Gabenbringer sind vielfältig: Ob als amerikanischer „Santa Claus“ in rot-weißer Kleidung oder „Väterchen Frost“ im dicken Pelzmantel oder gar als „Julemand“ mit Zipfelmütze, sie sind über den ganzen Globus verteilt und jeweilige Kulturträger ihres Landes. Dort treten sie dann zwischen dem 06. Dezember und dem 06. Januar auf. Der Grund warum wir Christen alljährlich aber gerade ab dem 24. Dezember Weihnachten feiern, geht auf den römischen Kaiser Konstantin zurück.
Mit dem 24. Dezember endet schließlich der Advent und es beginnt die Weihnachtszeit. Der Adventskranz wird durch die Weihnachtskrippe und den Christbaum abgelöst und das Christkind steht bei uns als Gaben- oder besser als Geschenkebringer in den Startlöchern. Die Figuren dieser weihnachtlichen Gabenbringer sind vielfältig: Ob als amerikanischer „Santa Claus“ in rot-weißer Kleidung oder „Väterchen Frost“ im dicken Pelzmantel oder gar als „Julemand“ mit Zipfelmütze, sie sind über den ganzen Globus verteilt und jeweilige Kulturträger ihres Landes. Dort treten sie dann zwischen dem 06. Dezember und dem 06. Januar auf. Der Grund warum wir Christen alljährlich aber gerade ab dem 24. Dezember Weihnachten feiern, geht auf den römischen Kaiser Konstantin zurück.
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Schloßauer Christkind vor dem Anwesen Scheuermann in der Mörschenhardter Straße im Jahr 1946. Für dieses Bild kündigte sich ist eigens ein Fotograf bei der noch selbständigen Gemeinde Schloßau an.
Repro: Thomas Müller |
Vor 2000 Jahren feierten die Römer ab dem 25. Dezember noch für mehrere Tage das Fest der Wintersonnenwende und verehrten den Sonnengott Sol Invictus. Kaiser Konstantin erhob schließlich im 4 Jh. das Christentum zur Staatsreligion und beendete die Christenverfolgungen. Um das Fest der Wintersonnenwende zu überlagern und den Geburtstag des Sonnengottes Sol mit dem Geburtstag von Jesus zu synchronisieren, wurde während seiner Herrschaft, Christi Geburt letztendlich auf den 25. Dezember gelegt. Die Geburtsstunde des Christkindes als weihnachtliche Figur geht jedoch auf Martin Luther, also auf das 16. Jh. zurück. Dieses wurde zur Reformation für die evangelischen Christen als Ersatz für Sankt Nikolaus eingeführt, der zu jener Zeit vor allem noch von Katholiken verehrt wurde. Das Christkind setzte sich aber im Laufe der Zeit für alle Christen zum Weihnachtsfest und als Geschenkebringer gegenüber dem Nikolaus durch. Allmählich entwickelten sich vielerlei Advents- und Weihnachtsbräuche.
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Mit der steigenden Industrialisierung änderten sich dann auch die Geschenke. Waren es zu Anfang noch selbstgebasteltes Spielzeug und Weihnachtsplätzchen, so folgten allmählich Puppen, Kaufläden, Schaukelpferde, Dampfmaschinen und Eisenbahnen. Heute sind es vor allem Laptops, Handys oder Spielekonsolen, die sich unter dem Christbaum wiederfinden. Die Werte der Geschenke stiegen mit dem Wohlstand und längst ist der Umsatz über die Weihnachtszeit ein maßgebender Index für den Zustand der allgemeinen Konsumwirtschaft geworden.
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Für das Christkind als Überbringer der Gaben an die Kinder entwickelte sich seit etwa 1900 von Region zu Region ja häufig von Dorf zu Dorf jeweils ein eigenes Brauchtum. im Schwarzwald wurde das Christkind vom Pelzmärtel begleitet, im Kochertal vom Pelznickel und in Freudenberg am Main vom heiligen Josef. In Mörschenhardt stieg der Überlieferung nach das Christkind mit einer langen Leiter am „Hohen Stein“ vom Himmel herab, folgte einem Pfad durch den Wald und bescherte mit den hinzu gekommenen Begleiterinnen die Kinder im Dorf. Auf gleiche Weise zog es sich später wieder in den Himmel zurück. In Reisenbach zog ein weiß gekleidetes Mädchen mit einem Schleier und einer bunt funkelnden Brautkrone, dem „Schäppeli“ durch das Dorf, was in identischer Weise auch für einige Jahre von dem Schloßauer Christkind überliefert ist. Das Reisenbacher Christkind wurde zudem von einem achtbeinigen Schimmel, dargestellt von zwei Mädchen unter einem Leinentuch, begleitet. In vielen anderen Dörfern des Odenwaldes war das Begleittier hingegen, wie im biblischen Geburtsstall, ein Esel. Zudem waren überall in aller Regel einige Mädchen zur Gesangsbegleitung dabei. Mit dem steigenden Wohlstand und dem besser werdenden Wohnkomfort wollten die Hausfrauen allerdings keinen unnötigen Schmutz mehr in ihren Stuben haben.
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Das Schloßauer Christkind mit seinen Begleiterinnen am 24.12.1970. Man beachte den typischen Kleidungsstil der 1970er Jahre.
Repro: Thomas Müller |
Zudem hinterließen die mitgeführten Holzbeine des Esels ihre Spuren auf den Böden. So musste er immer häufiger draußen bleiben und verschwand allmählich überall als Begleiter des Christkindes. Im Schloßauer Oberdorf und im Unterdorf gab es über Jahrzehnte hinweg jeweils ein eigenes Christkind, um die vielen Hausbesuche an Heiligabend abwickeln zu können. Selbst im Ortsteil Waldauerbach gab es ein eigenes Christkind. Allmählich entwickelte sich das Brauchtum um die Darbietungen an Heiligabend zu einem regelrechten Markenzeichen für das Dorf und so wurde dies sogar über seine Grenzen hinaus bekannt. Im Jahr 1964 wurde das Schauspiel sogar von einem Fernsehteam gefilmt. Seine Blütezeit erlebte es während der kinderreichen Jahrgänge der 1950er und 1960er Jahre, zur Zeit des Deutschen Wirtschaftswunders, als man sich von den Kriegswirren allmählich erholt hatte.
Damals waren an Heiligabend wieder mehrere Dutzend Häuser zu besuchen. Zur Vorbereitung der eigentlichen Aufführung kamen in der Vorweihnachtszeit die Mädchen der Abschlussklasse aus der Volks- bzw. Hauptschule zusammen, um die Rollenverteilungen festzulegen. Danach wurden die Weihnachtslieder ausgewählt und Texte zusammengestellt. Das Christkind des Vorjahres übergab das Kleid und die Utensilien an die neuen Darstellerinnen. Bis in die 1980er Jahre musste für jeden besuchten Haushalt auch noch eine Rute aus Birkenreisig beschafft werden, wobei die Mädchen üblicherweise von Senioren unterstützt wurden. Je eine Rute blieb dann in den Haushalten zurück. Die Tradition mit der Rute geht darauf zurück, dass einige sanfte Züge auf Kopf und Schulter Glück und Segen bringen sollen. Auf Gebet und Gesang der Begleitmädchen folgten Beiträge der Kinder und die Bescherung der Anwesenden. Danach ging es weiter zum nächsten Haushalt. So hatte es seinen festen Weg durch die Straßen.
Bei den Eltern war der Unmut groß, wenn ihre Kinder ungeduldig am festlich geschmückten Christbaum warteten, das Christkind aber eisern auf dem Weg durch das Dorf blieb. Auch die Christmette durchkreuzte den Terminplan der Eltern
Damals waren an Heiligabend wieder mehrere Dutzend Häuser zu besuchen. Zur Vorbereitung der eigentlichen Aufführung kamen in der Vorweihnachtszeit die Mädchen der Abschlussklasse aus der Volks- bzw. Hauptschule zusammen, um die Rollenverteilungen festzulegen. Danach wurden die Weihnachtslieder ausgewählt und Texte zusammengestellt. Das Christkind des Vorjahres übergab das Kleid und die Utensilien an die neuen Darstellerinnen. Bis in die 1980er Jahre musste für jeden besuchten Haushalt auch noch eine Rute aus Birkenreisig beschafft werden, wobei die Mädchen üblicherweise von Senioren unterstützt wurden. Je eine Rute blieb dann in den Haushalten zurück. Die Tradition mit der Rute geht darauf zurück, dass einige sanfte Züge auf Kopf und Schulter Glück und Segen bringen sollen. Auf Gebet und Gesang der Begleitmädchen folgten Beiträge der Kinder und die Bescherung der Anwesenden. Danach ging es weiter zum nächsten Haushalt. So hatte es seinen festen Weg durch die Straßen.
Bei den Eltern war der Unmut groß, wenn ihre Kinder ungeduldig am festlich geschmückten Christbaum warteten, das Christkind aber eisern auf dem Weg durch das Dorf blieb. Auch die Christmette durchkreuzte den Terminplan der Eltern
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Wie sich die Zeiten ändern - Christkind mit Begleiterinnen im festlich geschmückten Wohnzimmer der Familie Balles in Schloßau am 24.12.2016.
Bild: Diana Balles |
immer wieder. Bis auf das Coronajahr 2020, spielte sich dies seit etwa 1900 alljährlich in ähnlicher Weise ab. Auch während der Kriegsjahre zog das Christkind durch die Schloßauer Straßen. Allerdings waren aufgrund der Kriegswirren in den Jahren 1944 bis 1946 jeweils die gleichen Mädchen, in Straßen ohne jeden weihnachtlichen Glanz unterwegs und besuchten die zahlreichen Kinder. Die Verdunkelungsgebote mussten eingehalten werden. Heute, im Zeitalter der Mobilität und zurückgehenden Kinderzahlen, ist die Auftragslage deutlich zurückgegangen, so dass es nur noch ein Christkind für Schloßau mit Waldauerbach gibt. Zudem werden längst auch auswärtige Kinder in der Gesamtgemeinde Mudau aufgesucht. In vielen anderen Dörfern ist der schöne Brauch sogar schon längere Zeit ganz verschwunden.
Thomas Müller, Schloßau im Dezember 2020 |
Schloßauer Originale
Schloßauer Originale
In unserer schnelllebigen Zeit fällt es uns häufig schwer, sich ein Leben ohne den technischen Fortschritt des 20. und 21. Jh. vorzustellen. Viel zu sehr sind wir abhängig geworden von den technischen Neuerungen und modernen Kommunikationsmöglichkeiten.
Doch versetzt man sich gedanklich etwa 130 Jahre zurück, in die vermeintlich „gute alte Zeit“, dann entdeckt man wieder die einfachen Dinge des Lebens ohne Elektrizität, Auto, Computer und Handy. Als Ort der Kommunikation finden sich u.a. Gaststätten und Spinnstuben. Zur „modernen“ Fortbewegung nutzte man Fahrräder und zur Abendstunde erhellten Petroleumlampen den Raum.
Die Sagen und Geschichten aus alten Überlieferungen wurden gerade um die Jahrhundertwende des 19./20. Jh. in den aufstrebenden Gaststätten und während der Wintermonate auch in den Spinnstuben, weitergegeben und erstmals auch aufgeschrieben. Hierbei wurden diese natürlich auch häufig modifiziert und gerade durch Heirat in andere Ortschaften „mitgenommen“. So gibt es Geschichten mit ähnlichen Begebenheiten nahezu überall. Dass aber um diese Zeit noch Sagen entstanden, die auch noch heute weitererzählt werden, ist eher eine Seltenheit.
Einige dieser „neuen“ Sagen aus dem Schloßauer Umfeld möchte ich mit dem Beginn ihrer Entstehung wiedergeben. Offen bleibt allerdings jeweils die Frage, was tatsächlich dahintersteckte.
Ausgangspunkt der ersten beiden Sagen, sind die Schloßauer Gaststätten. Vor allem beim ehemaligen Schloßauer Schildwirt „Löwen“, dem heutigen Forsthaus, beim „Hirschwirt“ und später beim „grünen Baum“, trafen sich in jener Zeit die Burschen der Schloßauer Umgebung und trieben so manchen Schabernack. In Waldauerbach war die Gaststätte „Rose“ ein gern aufgesuchter Treffpunkt der Jugend.
In unserer schnelllebigen Zeit fällt es uns häufig schwer, sich ein Leben ohne den technischen Fortschritt des 20. und 21. Jh. vorzustellen. Viel zu sehr sind wir abhängig geworden von den technischen Neuerungen und modernen Kommunikationsmöglichkeiten.
Doch versetzt man sich gedanklich etwa 130 Jahre zurück, in die vermeintlich „gute alte Zeit“, dann entdeckt man wieder die einfachen Dinge des Lebens ohne Elektrizität, Auto, Computer und Handy. Als Ort der Kommunikation finden sich u.a. Gaststätten und Spinnstuben. Zur „modernen“ Fortbewegung nutzte man Fahrräder und zur Abendstunde erhellten Petroleumlampen den Raum.
Die Sagen und Geschichten aus alten Überlieferungen wurden gerade um die Jahrhundertwende des 19./20. Jh. in den aufstrebenden Gaststätten und während der Wintermonate auch in den Spinnstuben, weitergegeben und erstmals auch aufgeschrieben. Hierbei wurden diese natürlich auch häufig modifiziert und gerade durch Heirat in andere Ortschaften „mitgenommen“. So gibt es Geschichten mit ähnlichen Begebenheiten nahezu überall. Dass aber um diese Zeit noch Sagen entstanden, die auch noch heute weitererzählt werden, ist eher eine Seltenheit.
Einige dieser „neuen“ Sagen aus dem Schloßauer Umfeld möchte ich mit dem Beginn ihrer Entstehung wiedergeben. Offen bleibt allerdings jeweils die Frage, was tatsächlich dahintersteckte.
Ausgangspunkt der ersten beiden Sagen, sind die Schloßauer Gaststätten. Vor allem beim ehemaligen Schloßauer Schildwirt „Löwen“, dem heutigen Forsthaus, beim „Hirschwirt“ und später beim „grünen Baum“, trafen sich in jener Zeit die Burschen der Schloßauer Umgebung und trieben so manchen Schabernack. In Waldauerbach war die Gaststätte „Rose“ ein gern aufgesuchter Treffpunkt der Jugend.
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Der Schloßauer Schmied, Valentin Münkel, lebte gegen Ende de 19. Jhdt. Er war ein Mann von großer und breitschultriger Statur, sein Wesen ohne jede Furcht. Aufgrund seiner düsteren Erscheinung wurde er auch „der schwarze bzw. rußige Schmied“ genannt. Er behauptete von sich, dass er mit einer zwei Zentner schweren Eisenstange vor dem badischen Großherzog exerziert hatte und hiermit gehörig für Eindruck bei ihm sorgte. Der schwarze Schmied war immer wieder mit den Schloßauer Burschen zu Gange. Eines Tages wurde ihm eingeredet, dass im Bödigheimer Wald, auf Mudauer Gemarkung, der Teufel als Reiter ohne Kopf unterwegs sei und dort an einem markanten Baum auch schon häufiger um Mitternacht gesehen wurde. Valentin Münkel hielt dies für blanken Unsinn und wollte der Sache schließlich auf den Grund gehen. Da die Burschen sich nicht trauten den schwarzen Schmied bei Dunkelheit dorthin zu begleiten, machten sie ihm zur Aufgabe, eine aktuelle Tageszeitung als Zeichen seiner Anwesenheit an dem erwähnten Baum anzubringen. Nur mit einer Öllaterne ausgerüstet und der Zeitung in der Tasche, machte er sich abends auf den Weg in Richtung Mudau, wo er wohl gegen Mitternacht auch am erwähnten Baum ankam. Dort fixierte er die Zeitung und stieß lautstark den Satz aus „Wenn´s en Deifel gibt, dann soll er kumme!“ Es tat sich nichts und so ging er in seinem Mut gestärkt, über den gefürchteten Neuhof zurück nach Schloßau,
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Der Sohn vom schwarzen Schmied, Julius Münkel, mit seinen Enkeln
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um auch im Neuhof nach dem Reiter ohne Kopf Ausschau zu halten, da man diesen, gemäß einer älteren Sage, auch in diesem Gebiet schon häufiger gesehen haben will. Auch hier traf er niemanden. Die Schloßauer Burschen fanden tags darauf die Zeitung wie vereinbart am besagten Baum. Vom „Teufel“ und „dem Reiter ohne Kopf“ aber, fehlt seither jede Spur.
Auch der Sohn von Valentin Münkel, Julius Münkel , war wie sein Vater Schmied. Nebenbei war er Messner und gelegentlich arbeitete er in der fürstlich leiningenschen Brauerei. Er lebte um die Jahrhundertwende des 19./20. Jh. und war von gleicher Statur wie sein Vater. Zu dieser Zeit zog es die Schloßauer Burschen häufig in die Gaststätte Rose, nach Waldauerbach. Unabhängig voneinander berichteten die Bürger immer wieder von einem geheimnisvollen Licht um Mitternacht, welches direkt am Schloßauer Dornplatz, dort wo heute das neue Schützenhaus steht, aufleuchtet. Niemand traute sich der Sache auf den Grund zu gehen. Dies ging so über einige Zeit, bis sich Julius Münkel nach einem Gaststättenbesuch in Waldauerbach, kurz vor Mitternacht alleine auf den Nachhauseweg in Richtung Schloßau aufmachte. Unterwegs fertigte er sich noch einen dicken Buchenprügel an. Dann ging er hin zum geheimnisvollen Licht. Genau an der hell erleuchteten Stelle, stieß er den Stock in den Boden und machte sich sogleich von Dannen. Am nächsten Tag schaute er nach seinem Buchenstock, der schließlich inmitten eines morschen und hohlen Baumstumpfes steckte, den er dann kurzerhand einebnete. Das Licht aber, wurde zur Verwunderung der Schloßauer, die von seiner Tat nichts wussten, seither nie mehr gesehen. Julius Münkel aber erzählte erst viel später von seinem Alleingang und so ist die Geschichte bis heute erhalten geblieben.
Eine weitere Geschichte handelt vom Holzhändler „Kunze Karle“, der in der ersten Hälfte des 20. Jh. in Schloßau lebte. Sonntags, während der heiligen Messe, war er immer wieder unterwegs um Holz in seine Holzliste aufzunehmen. Er war nicht gerade gottesfürchtig und zollte auch dem Teufel keinen Respekt. So redeten ihm die Schloßauer Burschen ein, dass sein sonntägliches Fehlverhalten eines Tages den Teufel heraufbeschwören würde. Er gab darauf gerne zur Antwort: „Wenn der Deifel kimmt, dann fahr ich´n mit dem Schubkarre zum Ort naus!“
An einem Sonntag kehrte der Kunze Karle sehr zerstreut zurück und war seither nicht mehr der „Alte“. Später erzählte er, dass an jenem Sonntag, während der Messe, ein kleines Männchen mit hochgezogener Kapuze im Wald wortlos seinen Weg kreuzte und hierbei eine Schubkarre vor sich her schob. Das Männlein verweilte schweigend für einen Moment und noch ehe sich der Kunze Karle besann, war das Männchen auch schon wieder verschwunden. In diesem Moment läuteten in der Ferne die Glocken der Schloßauer Kirche zur Wandlung. Er machte sich sofort auf und ging nach Hause. Diese unheimliche Begegnung löste einen Wandel in seinem Leben aus und er ging nun sonntags nicht mehr seinem Gewerbe nach.
Das bekannteste Schloßauer Original unserer Zeit mit regelrechtem Kultcharakter, lebte zwischen 1895 und 1980. Es war Ludwig Benig, genannt „Lui“. Schon seine Herkunft war umstritten, denn die Schloßauer schwiegen zeitlebens über den Vater vom „Lui“ oder äußersten sich nur hinter vorgehaltener Hand.
Auch der Sohn von Valentin Münkel, Julius Münkel , war wie sein Vater Schmied. Nebenbei war er Messner und gelegentlich arbeitete er in der fürstlich leiningenschen Brauerei. Er lebte um die Jahrhundertwende des 19./20. Jh. und war von gleicher Statur wie sein Vater. Zu dieser Zeit zog es die Schloßauer Burschen häufig in die Gaststätte Rose, nach Waldauerbach. Unabhängig voneinander berichteten die Bürger immer wieder von einem geheimnisvollen Licht um Mitternacht, welches direkt am Schloßauer Dornplatz, dort wo heute das neue Schützenhaus steht, aufleuchtet. Niemand traute sich der Sache auf den Grund zu gehen. Dies ging so über einige Zeit, bis sich Julius Münkel nach einem Gaststättenbesuch in Waldauerbach, kurz vor Mitternacht alleine auf den Nachhauseweg in Richtung Schloßau aufmachte. Unterwegs fertigte er sich noch einen dicken Buchenprügel an. Dann ging er hin zum geheimnisvollen Licht. Genau an der hell erleuchteten Stelle, stieß er den Stock in den Boden und machte sich sogleich von Dannen. Am nächsten Tag schaute er nach seinem Buchenstock, der schließlich inmitten eines morschen und hohlen Baumstumpfes steckte, den er dann kurzerhand einebnete. Das Licht aber, wurde zur Verwunderung der Schloßauer, die von seiner Tat nichts wussten, seither nie mehr gesehen. Julius Münkel aber erzählte erst viel später von seinem Alleingang und so ist die Geschichte bis heute erhalten geblieben.
Eine weitere Geschichte handelt vom Holzhändler „Kunze Karle“, der in der ersten Hälfte des 20. Jh. in Schloßau lebte. Sonntags, während der heiligen Messe, war er immer wieder unterwegs um Holz in seine Holzliste aufzunehmen. Er war nicht gerade gottesfürchtig und zollte auch dem Teufel keinen Respekt. So redeten ihm die Schloßauer Burschen ein, dass sein sonntägliches Fehlverhalten eines Tages den Teufel heraufbeschwören würde. Er gab darauf gerne zur Antwort: „Wenn der Deifel kimmt, dann fahr ich´n mit dem Schubkarre zum Ort naus!“
An einem Sonntag kehrte der Kunze Karle sehr zerstreut zurück und war seither nicht mehr der „Alte“. Später erzählte er, dass an jenem Sonntag, während der Messe, ein kleines Männchen mit hochgezogener Kapuze im Wald wortlos seinen Weg kreuzte und hierbei eine Schubkarre vor sich her schob. Das Männlein verweilte schweigend für einen Moment und noch ehe sich der Kunze Karle besann, war das Männchen auch schon wieder verschwunden. In diesem Moment läuteten in der Ferne die Glocken der Schloßauer Kirche zur Wandlung. Er machte sich sofort auf und ging nach Hause. Diese unheimliche Begegnung löste einen Wandel in seinem Leben aus und er ging nun sonntags nicht mehr seinem Gewerbe nach.
Das bekannteste Schloßauer Original unserer Zeit mit regelrechtem Kultcharakter, lebte zwischen 1895 und 1980. Es war Ludwig Benig, genannt „Lui“. Schon seine Herkunft war umstritten, denn die Schloßauer schwiegen zeitlebens über den Vater vom „Lui“ oder äußersten sich nur hinter vorgehaltener Hand.
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Gesangverein Schloßau im Jahr 1971; Ludwig Benig 1. Reihe (sitzend), 5. von rechts
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Ludwig Benig war von kleiner Statur. Er kam mit einer offenen Seite zur Welt und nach dem frühen Tod der Mutter drohte er zunächst als Ortsarmer zu verhungern. Seine offene Seite machte ihm sein ganzes Leben lang zu schaffen und es blieb ihm bis zu seinem Tod ein behinderter Fuß, den er beim Laufen etwas nachzog. Seine Fingerfertigkeit und sein handwerkliches Geschick entwickelten sich jedoch zu einem Markenzeichen, welches ihn bei den Bauern der Umgebung als „Mannenmacher“ bekannt machte. Bei Ihnen saß er in der kalten Jahreszeit in der warmen Küche, reparierte Mannen und Schinker und erzählte Geschichten. Nebenbei war er auch noch als Sprengmeister bei den Förstern der Umgebung beschäftigt.
Er begann schon recht früh mit dem Orgelspiel, das er sich selbst beibrachte und das ihm von 1919 bis 1975 den Dienst |
des Organisten einbrachte. Als Gründungsmitglied führte er mit großer Leidenschaft im Schloßauer Gesangverein - ohne Ausbildung - den Taktstock. Aufgrund seiner außerordentlichen musikalischen Begabung, wurde schließlich dem ebenfalls musikalisch begabten, ehemals ortsansässigen Lehrer, die Vaterschaft zum Lui zugeordnet.
Ludwig Benig verstand es auch durch Selbststudium, den Inhalt von „mystischen Büchern“ zu verstehen und umzusetzen. In Schloßauer Kreisen sprach man diesbezüglich gerne vom siebten Buch Moses, welches er regelmäßig studierte aber gut versteckte.
In den Gaststätten und Bauernstuben war jedenfalls immer was geboten, wenn „Lui“ auftauchte und dort „hexte“. Er verstand die Kunst der Hypnose, die er sich wiederum im Eigenstudium aneignete. Vor allem die holde Weiblichkeit bekam seine mystischen Kräfte gerne zu spüren und musste des Öfteren das stille Örtchen aufsuchen, wenn „Lui“ ihnen dies ankündigte. Gerne versetzte er sie auch in Hypnose oder zitierte aus dem geheimnisvollen Buch.
Interessant wurde es, wenn er gedankenversunken durch die Gaststätte blickte und einem wohlhabenden Bauern erzählte, dass zu Hause ein Pferd im Schweiß steht, dessen Schwanz geflochten sei.
Ludwig Benig verstand es auch durch Selbststudium, den Inhalt von „mystischen Büchern“ zu verstehen und umzusetzen. In Schloßauer Kreisen sprach man diesbezüglich gerne vom siebten Buch Moses, welches er regelmäßig studierte aber gut versteckte.
In den Gaststätten und Bauernstuben war jedenfalls immer was geboten, wenn „Lui“ auftauchte und dort „hexte“. Er verstand die Kunst der Hypnose, die er sich wiederum im Eigenstudium aneignete. Vor allem die holde Weiblichkeit bekam seine mystischen Kräfte gerne zu spüren und musste des Öfteren das stille Örtchen aufsuchen, wenn „Lui“ ihnen dies ankündigte. Gerne versetzte er sie auch in Hypnose oder zitierte aus dem geheimnisvollen Buch.
Interessant wurde es, wenn er gedankenversunken durch die Gaststätte blickte und einem wohlhabenden Bauern erzählte, dass zu Hause ein Pferd im Schweiß steht, dessen Schwanz geflochten sei.
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och geheimnisvoller wurde es, wenn sich die Bauern später hiervon auch noch überzeugen konnten und ein Pferd tatsächlich mit geflochtenem Schweif im Schweiße stand. Es gibt allerdings keinen lebenden Schloßauer mehr, der dies mit eigenen Augen gesehen hat!
Seine Künste allerdings gingen größtenteils verloren, als bei einem Brand im Wohnhaus von Ludwig Benig auch sein geheimnisvolles Buch verbrannte. So bleibt dessen Inhalt für immer ein Geheimnis das der „Lui“ schließlich mit ins Grab nahm. Auch wenn wir heute bei den noch lebenden Augenzeugen nicht mehr viel von den Details all dieser Geschichten erfahren können, so sorgten diese Schloßauer „Originale“ über viele Jahre für reichlich Gesprächsstoff und für kurzweilige Stunden in den Gaststätten und Bauernstuben, ganz ohne Fernseher und Tricks der Zauberer. |
Das alte Gasthaus „Hirsch“ um 1903, heute Anwesen Moser
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Quellen: Mündliche Überlieferungen der Schloßauer Bevölkerung
Thomas Müller, 2009
Thomas Müller, 2009
Krautschneider
Als der Krautschneider noch durch das Dorf zog
Das Leben auf dem Lande brachte von je her neben reichlich Arbeit auch eine Reihe von Erntephasen mit sich. Nach dem Einbringen des Getreides stand die Kartoffelernte, danach die Obsternte und im Oktober schließlich noch das Einschneiden von Weißkraut auf dem Programm, welches nach dem Gärprozess schließlich als Sauerkraut bezeichnet und aufgetischt wurde. Das Einschneiden von Kraut war eine mühselige Arbeit, die nahezu alle Hausbewohner in Beschlag nahm. Steht hingegen heute bei der jungen Generation, wenn überhaupt einmal, Sauerkraut auf dem Speiseplan, geht das wesentlich einfacher - Konservendose auf und los geht´s. Aber wie lief die Herstellung von Sauerkraut damals ab, als es tatsächlich noch den „Krautschneider“ im Dorf gab, ein Saisonarbeiter der eigentlich nur vier Wochen im Jahr wirklich Arbeit hatte?
Das Leben auf dem Lande brachte von je her neben reichlich Arbeit auch eine Reihe von Erntephasen mit sich. Nach dem Einbringen des Getreides stand die Kartoffelernte, danach die Obsternte und im Oktober schließlich noch das Einschneiden von Weißkraut auf dem Programm, welches nach dem Gärprozess schließlich als Sauerkraut bezeichnet und aufgetischt wurde. Das Einschneiden von Kraut war eine mühselige Arbeit, die nahezu alle Hausbewohner in Beschlag nahm. Steht hingegen heute bei der jungen Generation, wenn überhaupt einmal, Sauerkraut auf dem Speiseplan, geht das wesentlich einfacher - Konservendose auf und los geht´s. Aber wie lief die Herstellung von Sauerkraut damals ab, als es tatsächlich noch den „Krautschneider“ im Dorf gab, ein Saisonarbeiter der eigentlich nur vier Wochen im Jahr wirklich Arbeit hatte?
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Alles begann mit der Anzucht der Krautpflänzchen. Im Frühjahr wurde auf lockerem Boden der Samen verschiedenster Krautarten ausgesät, um Krautzöglinge zu ziehen. Dies waren vor allem Rotkraut, Weißkraut, Kohlrabi oder Blumenkohl. Waren die Pflänzchen groß genug, wurden sie vorsichtig herausgezogen und auf einem eigenen Krautflecken oder gar auf einem Acker zwischen den Futterrüben wieder eingepflanzt. Den Feldhasen gefiel dies allemal und bis zum Morgengrauen machten sie sich sprichwörtlich "wieder vom Acker". Bis in den Oktober hinein reiften dann die verschiedenen Kohlarten allmählich heran. So hatte die Hausfrau im Herbst einiges an Kohl zu ernten. Rechtzeitig vor der Weißkrauternte wurde der dorfeigene Krautschneider bzw. der Krautritschler für das Einschneiden des Weißkrauts bestellt. Dieser hatte seine Wegstrecke im Dorf, sodass er rechtzeitig die Termine zum Krauteinschneiden bei den Auftraggebern bekanntgeben konnte. Einige Tage vor dem Ritscheltermin wurden dann die Krautsköpfe, die sogenannten Heebe, geerntet und die äußeren Blätter entfernt. Das Kraut „reifte“ dann noch ein wenig, durfte jedoch nicht welk werden, denn sonst war es nur schlecht zu verarbeiten. Knackig musste es sein, sonst gab es keine Streifen und ging schlecht zu ritscheln.
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Friedrich Benig war in den 1970er und 1980er Jahren der letzte Krautschneider in Schloßau, hier 1976 beim Anwesen Müller in der Kailbacher Straße.
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Am Tag der Verarbeitung reinigte die Hausfrau schließlich die Küche und den Stänner, eine Art Holzfass mit Fassdauben oder ein gleichwertiges Gefäß aus Ton. Diese Tonstänner gab es in unterschiedlicher Größe. Sie waren braun oder grau lasiert. Heutzutage sind sie weitestgehend ausgemustert und häufig als Blumengefäße vor Haustüren zu finden.
Ausgestattet mit einer weißen Schürze, einem großen Krauthobel, dem zugehörenden Krautschlitten und einem Dorschenbohrer (Strunkschneider) kam der Krautschneider am vereinbarten Termin dann zu den Kunden und richtete zuallererst seinen Arbeitsplatz ein. Unter dem Hobel wurde eine Wanne oder früher auch der hauseigene Holzbacktrog platziert, worin ein weißes Leinentuch ausgelegt wurde, um das Schnittgut fein säuberlich aufzufangen, denn Sauberkeit war nun oberstes Gebot. Zuerst wurde der Strunk aus den Krautsköpfen herausgebohrt und die Heebe zum Schneiden zurechtgelegt. Dann begann die kräftezehrende Schneidarbeit. Gleichmäßig mit kräftigen Hüben schob und zog der Fachmann den Krautschlitten mit dem Kraut über den Hobel und verwandelte dieses in kleine Krautstreifen. War die Wanne, bzw. der Backtrog voll, wurde das Kraut in den Keller gebracht und dort in den Stänner umgefüllt. Hierbei wurde es gesalzen und dann von Kinderfüßen oder mit einem Holzstampfer Lage für Lage festgestampft. Auch hierbei war äußerste Sauberkeit unabdingbar. Jede Familie hatte bei diesem Vorgang ihr eigenes Rezept, z.B. das Einstampfen unter Zugabe von Wein oder Wachholderbeeren. Waren alle Heebe klein geritschelt und im Stänner eingestampft, kam ein Leinentuch über die Masse, wonach alles mit passenden Brettern abgedeckt wurde. Ein schwerer Stein wurde aufgelegt, damit die Bretter nicht hochschwammen, denn das Kraut zog nun Brühe. Sauberkeit und Bedecken des Krauts in Verbindung mit der aufsteigenden Brühe waren wichtig gegen Schimmelbildung und führten letztendlich zum Gären des eingeschnittenen Krauts. In den alten Sandsteinkellern herrschte nun Hochbetrieb, denn in der einen Ecke gärte das Sauerkraut, in der anderen der frisch gekelterte Most. Der Gärprozess dauerte dann etwa bis Allerheiligen. Most und Kraut waren danach verzehrbereit und über das ganze Jahr haltbar. Rotkraut wurde hingegen nicht in einem Stänner vergärt, sondern gleich nach dem Einschneiden in Gläsern eingekocht. Blumenkohl wurde frisch verzehrt und Rosenkohl blieb sogar noch bei Frost draußen.
Ausgestattet mit einer weißen Schürze, einem großen Krauthobel, dem zugehörenden Krautschlitten und einem Dorschenbohrer (Strunkschneider) kam der Krautschneider am vereinbarten Termin dann zu den Kunden und richtete zuallererst seinen Arbeitsplatz ein. Unter dem Hobel wurde eine Wanne oder früher auch der hauseigene Holzbacktrog platziert, worin ein weißes Leinentuch ausgelegt wurde, um das Schnittgut fein säuberlich aufzufangen, denn Sauberkeit war nun oberstes Gebot. Zuerst wurde der Strunk aus den Krautsköpfen herausgebohrt und die Heebe zum Schneiden zurechtgelegt. Dann begann die kräftezehrende Schneidarbeit. Gleichmäßig mit kräftigen Hüben schob und zog der Fachmann den Krautschlitten mit dem Kraut über den Hobel und verwandelte dieses in kleine Krautstreifen. War die Wanne, bzw. der Backtrog voll, wurde das Kraut in den Keller gebracht und dort in den Stänner umgefüllt. Hierbei wurde es gesalzen und dann von Kinderfüßen oder mit einem Holzstampfer Lage für Lage festgestampft. Auch hierbei war äußerste Sauberkeit unabdingbar. Jede Familie hatte bei diesem Vorgang ihr eigenes Rezept, z.B. das Einstampfen unter Zugabe von Wein oder Wachholderbeeren. Waren alle Heebe klein geritschelt und im Stänner eingestampft, kam ein Leinentuch über die Masse, wonach alles mit passenden Brettern abgedeckt wurde. Ein schwerer Stein wurde aufgelegt, damit die Bretter nicht hochschwammen, denn das Kraut zog nun Brühe. Sauberkeit und Bedecken des Krauts in Verbindung mit der aufsteigenden Brühe waren wichtig gegen Schimmelbildung und führten letztendlich zum Gären des eingeschnittenen Krauts. In den alten Sandsteinkellern herrschte nun Hochbetrieb, denn in der einen Ecke gärte das Sauerkraut, in der anderen der frisch gekelterte Most. Der Gärprozess dauerte dann etwa bis Allerheiligen. Most und Kraut waren danach verzehrbereit und über das ganze Jahr haltbar. Rotkraut wurde hingegen nicht in einem Stänner vergärt, sondern gleich nach dem Einschneiden in Gläsern eingekocht. Blumenkohl wurde frisch verzehrt und Rosenkohl blieb sogar noch bei Frost draußen.
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Nach dem Einschneiden wurde das Weißkraut im Keller in einen Stänner umgefüllt und mit einem Krautstampfer eingestampft.
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Ab November gab es dann des Öfteren Gerichte mit Kraut, weshalb die Amerikaner zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges die Deutschen mit dem Spitznamen „Krauts“ belegten. Hiermit wollten Sie allerdings eher die Rückständigkeit der „Krautfresser“ hervorheben als sie mit dieser Bezeichnung in den Himmel zu heben. Der Geruch aus der Küche ließ an Sauerkrauttagen in der Tat wenig Wohlschmeckendes vermuten, denn die Nase isst schließlich mit! Nachdem die Besatzer dann allerdings in den Genuss der Deutschen Küche kamen, änderten sie üblicherweise ihre Einstellung gegenüber den „Krauts“ und fanden selbiges sogar schmackhaft. Auch Wilhelm Buschs Witwe Bolte genoss in der Lausbubengeschichte „Max und Moritz“ das vergärte Weißkraut und so mancher Arzt verordnete eine Portion Sauerkraut, wenn der Nachwuchs einmal etwas verschluckt hatte. Gar mystische Kräfte mutet man dem Sauerkraut seit je her am Neujahrstag zu, denn wer an diesem Tag davon isst, bei dem wird über das Jahr das Geld nicht leer! Probieren Sie es doch zum nächsten Jahreswechsel einmal aus!
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Thomas Müller, Schloßau im Oktober 2020
Heidelbeerernte
Sommerzeit ist Heidelbeerzeit
Auch wenn die Wetterkapriolen der letzten Wochen es nicht vermuten lassen, so reifen derzeit in der Tat gerade die Heidelbeeren in den heimischen Wäldern heran.
Und wer kennt sie nicht, die kleinen blauen Beeren aus dem Wald, die auf einem Mürbteigkuchen, als Beilage zu Süßspeisen oder als Wein verköstigt, ein wahrer Genuss sind?
Heidelbeeren, auch Blaubeeren genannt, gedeihen an kniehohen Heidesträuchern in der Buntsandsteinregion des Odenwaldes besonders gut. Hintergrund sind die nährstoffarmen und sauren Böden wo Kiefernnadeln, Falllaub und kleine Äste eine dicke Humusdecke auf den Böden bilden, welche das Regenwasser besonders gut speichert. Die Heidelbeersträucher lieben diesen sauren, kalkarmen Boden. Zusammen mit dem regenreichen und durchaus rauen Odenwaldklima bildet dieser schließlich optimale Bedingungen für ein gutes Gedeihen der Sträucher und somit auch für hohe Ernteerträge. Daher ist es auch kein Wunder, dass der Odenwald unter anderem auch für reichhaltige Erträge von Blaubeeren bekannt wurde und zur Erntezeit schon immer ganze Scharen von Frauen und Kindern in die Wälder lockte.
Uns Menschen ist das Sammeln von Pilzen und Beeren quasi in die Wiege gelegt. Um zu überleben, war der Mensch seit je her als Jäger und Sammler unterwegs. Für die langen Wintermonate bildeten vor allem getrocknete Pilze, Früchte und Beeren einen wesentlichen Beitrag zur Ernährung und waren ganz nebenbei auch noch die „Hausapotheke“ zur Heilung der unterschiedlichsten Leiden aber auch Lieferant wertvoller Vitamine.
Obwohl sich die menschlichen Nahrungsquellen mit der Zeit änderten, ist der Wald nach wie vor Produzent von Beeren, Gräsern, (Heil-)pflanzen, Pilzen, Fleisch oder Holz. In Kriegs- bzw. Notzeiten war er zudem schon immer der Schlüssel, um zu Überleben. Im hinteren Odenwald sprach man in den vorangegangenen Jahrhunderten gerne davon, dass die Menschen nur von den „3 B“, nämlich von Beeren, Besen und vom Betteln, leben würden.
Gerade in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg waren die Ernten der verschiedenen Beerenarten auch ein willkommenes Zubrot für zahlreiche Heimatvertriebene und bildeten auf diese Weise einen bescheidenen Beitrag zum Deutschen Wirtschaftswunder. Häufig genug steckten hinter diesen Pflückern auch Kriegsschicksale, wobei gerade diese Familien über Jahre hinweg auf diese Einnahmen angewiesen waren.
Für den hinteren Odenwald ist auch bekannt, dass die Bevölkerung aus den Regionen Mannheim und Heidelberg bis zur Bahnstation nach Kailbach fuhr und sich von hier aus zu Fuß in die umliegenden Wälder aufmachte. Da alleine durch die Anreise schon ein Teil des Tages verstrichen war, übernachteten viele der Pflücker im Wald. Am nächsten Tag ernteten sie dann weiter, bevor sie sich wieder auf den Heimweg begaben. Waldarbeiter fanden gerade in den Nachkriegsjahren die Überreste ihrer Behausungen und Lagerfeuer in den beerenreichen Wäldern. Auch diese Sammler machten anschließend ihre Erträge in der Stadt zu Geld oder sterilisierten sie für den Winter ein. Dies galt neben den beschriebenen Heidelbeeren auch für Himbeeren, Brombeeren und seltener auch Walderdbeeren.
Somit war den verschiedenen Beerenarten in vergangener Zeit ein besonderer Stellenwert in der Nahrungskette zuzuordnen und bedeutete nebenbei auch noch die erwähnte finanzielle Einnahmequelle.
Während der Heidelbeererntezeit war richtig was los in den hiesigen Wäldern. Nicht nur das Sammeln von Beeren sondern auch überlieferte Bräuche und Rituale, die in den Odenwaldregionen ganz unterschiedlich praktiziert wurden, prägten das Bild und sollten natürlich die Erträge hierbei noch zusätzlich steigern. So wurden einzelne herabgefallene Beeren dem Wald überlassen oder die ersten drei Beeren früh morgens über die Schulter geworfen, um an dieser Stelle nur einige der „beerenvermehrenden“ Bräuche zu nennen. Ein Kinderreim aus jener Zeit zeigt auf, wie es zu früherer Zeit in den Wäldern zuging:
„Heidelbeerleut´ sen fröhliche Leut´,
sieht man sie net, dann hört man sie weit!“
Eine weitere Überlieferung aus dem hessischen Odenwald sagt, dass die Ernten nach dem 25. Juli keine großen Erträge mehr einbringen. Unter dem Einfluss des milden Klimas der nahen Rheinebene, endete mit diesem Tag offiziell die Heidelbeerernte im hessischen Teil des Odenwaldes. Im badischen Teil hingegen, mit seinem rauheren Klima, wurden auch noch Mitte August gute Erträge erzielt. Noch bis in die 1950er Jahre wurde zur Ernte früh morgens in den Wald marschiert. Unter den Pflückerinnen herrschte ein echter Konkurrenzkampf um die guten Ernteplätze, so dass die Gruppen jeweils bemüht waren gerade an diesen Plätzen zu ernten. Es waren vor allem die Frauen und Kinder, die sich an einem der guten Plätze trafen, wo sie ihr Lager für den Tag errichteten. – „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst!“ – war im Streitfall gerne unter den einzelnen Pflückergruppen zu vernehmen, um so vor Ort für „klare Verhältnisse“ zu sorgen. Damit es keinen Streit unter den Dörfern gab, respektierten die Pflückerinnen allerdings bei der „Platzwahl“ in der Regel auch die Gemarkungsgrenzen. Es kam aber auch vor, dass Personen von Plätzen verwiesen wurden die sich nicht daran hielten oder die Grenzen möglicherweise gar nicht kannten. Die Männer hingegen verrichteten über den Tag die Feldarbeit. Sie beteiligten sich normalerweise nur dann an der Ernte, wenn es auf dem Feld gerade nichts zu tun gab.
Die Beeren wurden in kleinen Milchkannen oder kleinen Eimern gesammelt, welche in der Regel mit einem Gürtel vor den Bauch geschnallt waren. Volle Kannen wurden in sogenannte „Mannen“ (Tragekörbe aus Weidegeflecht) oder auch in größere, ausgediente Milchkannen umgefüllt. Zu früherer Zeit trugen die Hausfrauen die vollen Körbe auf dem Kopf nach Hause. Hierzu wurde ein Wisch (oder auch Kitz) auf den Kopf gelegt, um den Druck der Manne zu verringern und so das Tragen zu erleichtern. Zu späterer Zeit erfolgte der Abtransport dann elegant mit dem Auto.
Versierte Frauen nutzten zum Sammeln der Beeren gerne eine Art Kamm, ein sog. Reff. Man streifte die Beeren damit in einen Kasten und hatte somit eine höhere Ausbeute, allerdings auch mehr Blätter, kleine Zweige und unreife Beeren im Ertrag. Häufig wurde die Ernte daher im Nachgang nochmals verlesen.
Zurück aus dem Wald wurde dann entschieden welcher Teil frisch verzehrt wird, wie viele der Beeren eingekocht werden, was ggf. zu Wein verarbeitet wird aber vor allem, welcher Anteil gleich wieder verkauft wird. Das Einfrieren der Beeren kam hingegen erst in den 1950er Jahren auf. Über die gesamte Erntezeit wurde von den „Profis“ nur der geringste Teil selbst verbraucht. Die meisten Beeren wurden bei den vereinbarten Annahmestellen in den Dörfern abgegeben. Dort wurde dann die Ernte gewogen und entsprechend dem Tagespreis das Geld gleich ausbezahlt. Für gepflückte Beeren gab es normalerweise mehr Geld als für gereffte Beeren mit Verunreinigungen. Interessant ist, dass während der Weltwirtschaftskrise der 1920er Jahre, die Preise von Woche zu Woche teils um 100% schwankten. Es sei zudem angemerkt, dass ein dreiviertel Liter gleichzusetzen ist mit einem Gewicht von einem Pfund (500 Gramm) Beeren. Somit konnte bereits im Wald kalkuliert werden, wieviel man heute verdienen wird. Die eigentlichen Händler fuhren dann wiederum die Sammelstellen an und vermarkteten die Beeren anschließend an ihre Kundschaft auf Wochenmärkten oder in den Städten. Nach Aufzeichnungen von Ladelisten der Odenwaldeisenbahn, wurde in manchen Jahren mehr als eine Tonne Heidelbeeren vom Nebenbahnhof Kailbach, mit Ziel Frankfurt bzw. Mannheim, verladen und dies waren nur die Überschüsse der Händler. Die Hauptmenge einer Jahresernte fand jedoch wie beschrieben auf anderen Wegen ihre Abnehmer. In größeren Dörfern, wie z.B. in Limbach, gab es zudem einmal im Jahr einen Heidelbeermarkt, wo die Hausfrauen ihre Ernteerträge mit besseren Erlösen direkt vermarkten konnten.
Denken wir heute an die alljährlichen Sommerferien, dann sind diese unter den Bundesländern abgestimmt, damit für die großen Ferienregionen eine möglichst hohe und gleichmäßige Auslastung möglich ist. In vergangener Zeit wurden die Ferien allerdings eher „nach Bedarf“ gelegt. Es standen andere, vor allem landwirtschaftliche Gesichtspunkte im Vordergrund. So gab es Ferien zum Kartoffelkäfer lesen, zur Heuernte aber auch zur Beeren- und Kartoffelernte, denn Kinder waren hierbei ein nicht unwesentlicher Wirtschaftsfaktor.
Gerade in der Heidelbeerzeit waren die Schulen mit „Ferien“ auf die Zeit der Ernte eingestellt. Je nach Wetterlage wurden diese kurzfristig festgelegt, denn Kinder waren für diese einfache Tätigkeit, wie erwähnt, wertvolle Helfer. Auf diese Weise konnten sie erstes Geld verdienen, sofern sie dieses behalten durften. In den Dörfern wurden sogar die Vereinsfeste nach der Heidelbeerernte gelegt, denn dann hatten die Familien Geld in der Tasche. Doch der größte Anteil der Einnahmen wurde gespart. Junge Frauen erwirtschafteten auf diese Weise ihre Aussteuer, Hausfrauen investierten in die Familie und durch organisierte Sammelaktionen, wurden in den Dörfern sogar größere Vorhaben realisiert:
So wurde 1954 in Donebach mit Heidelbeerverkäufen nahezu eine komplette Kirchenglocke finanziert. Im hessischen Kailbach wurde zwischen 1947 und 1957 durch Heidelbeerernten der Schüler, Schulausflüge organisiert und die Inneneinrichtung des Klassensaals modernisiert.
Die Zeit der großen Heidelbeerernten endete schließlich zu Beginn der 1990er Jahre. Damals sorgte der Fuchsbandwurm als Krankheitserreger für einen schlechten Ruf der Beeren in Zusammenhang mit Ernten aus hiesigen Wäldern. Zudem wurde erkannt, dass Krankheiten, die von Zecken übertragen werden, lebensbedrohlich sein können. Diese Negativschlagzeilen verängstigten zunehmend die Pflücker, so dass sich viele Menschen zwischenzeitlich gar nicht mehr in die Wälder trauen. Des Weiteren wurde In Verbindung mit der Tschernobylkatastrophe auf die Gefahr strahlenverseuchter Waldprodukte hingewiesen, so dass diese niemand mehr haben wollte. Auch sorgen zwischenzeitlich moderne Waldmaschinen für großflächige Schäden auf den Böden der Wälder, welche das Heidekraut für Jahre zerstören und das Pflücken nach bewährter Weise unwirtschaftlich machen. Andererseits wurde es aber auch immer schwieriger die Beeren mit Gewinn zu vermarkten, denn großflächige Plantagen im Ausland verdrängten mit ihren niedrigen Preisen allmählich die Sammelstellen auf den Dörfern und den Handel mit dem „blauen Gold aus dem Odenwald“, so dass heutzutage, wenn überhaupt, nur noch für den Eigenbedarf geerntet wird.
Thomas Müller, Schloßau 2017
Quellen:
- Mündliche Überlieferungen aus Schloßau
- Archiv von Bruno Trunk
- Bruno Trunk, Schloßau - ein Höhendorf im Odenwald
Auch wenn die Wetterkapriolen der letzten Wochen es nicht vermuten lassen, so reifen derzeit in der Tat gerade die Heidelbeeren in den heimischen Wäldern heran.
Und wer kennt sie nicht, die kleinen blauen Beeren aus dem Wald, die auf einem Mürbteigkuchen, als Beilage zu Süßspeisen oder als Wein verköstigt, ein wahrer Genuss sind?
Heidelbeeren, auch Blaubeeren genannt, gedeihen an kniehohen Heidesträuchern in der Buntsandsteinregion des Odenwaldes besonders gut. Hintergrund sind die nährstoffarmen und sauren Böden wo Kiefernnadeln, Falllaub und kleine Äste eine dicke Humusdecke auf den Böden bilden, welche das Regenwasser besonders gut speichert. Die Heidelbeersträucher lieben diesen sauren, kalkarmen Boden. Zusammen mit dem regenreichen und durchaus rauen Odenwaldklima bildet dieser schließlich optimale Bedingungen für ein gutes Gedeihen der Sträucher und somit auch für hohe Ernteerträge. Daher ist es auch kein Wunder, dass der Odenwald unter anderem auch für reichhaltige Erträge von Blaubeeren bekannt wurde und zur Erntezeit schon immer ganze Scharen von Frauen und Kindern in die Wälder lockte.
Uns Menschen ist das Sammeln von Pilzen und Beeren quasi in die Wiege gelegt. Um zu überleben, war der Mensch seit je her als Jäger und Sammler unterwegs. Für die langen Wintermonate bildeten vor allem getrocknete Pilze, Früchte und Beeren einen wesentlichen Beitrag zur Ernährung und waren ganz nebenbei auch noch die „Hausapotheke“ zur Heilung der unterschiedlichsten Leiden aber auch Lieferant wertvoller Vitamine.
Obwohl sich die menschlichen Nahrungsquellen mit der Zeit änderten, ist der Wald nach wie vor Produzent von Beeren, Gräsern, (Heil-)pflanzen, Pilzen, Fleisch oder Holz. In Kriegs- bzw. Notzeiten war er zudem schon immer der Schlüssel, um zu Überleben. Im hinteren Odenwald sprach man in den vorangegangenen Jahrhunderten gerne davon, dass die Menschen nur von den „3 B“, nämlich von Beeren, Besen und vom Betteln, leben würden.
Gerade in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg waren die Ernten der verschiedenen Beerenarten auch ein willkommenes Zubrot für zahlreiche Heimatvertriebene und bildeten auf diese Weise einen bescheidenen Beitrag zum Deutschen Wirtschaftswunder. Häufig genug steckten hinter diesen Pflückern auch Kriegsschicksale, wobei gerade diese Familien über Jahre hinweg auf diese Einnahmen angewiesen waren.
Für den hinteren Odenwald ist auch bekannt, dass die Bevölkerung aus den Regionen Mannheim und Heidelberg bis zur Bahnstation nach Kailbach fuhr und sich von hier aus zu Fuß in die umliegenden Wälder aufmachte. Da alleine durch die Anreise schon ein Teil des Tages verstrichen war, übernachteten viele der Pflücker im Wald. Am nächsten Tag ernteten sie dann weiter, bevor sie sich wieder auf den Heimweg begaben. Waldarbeiter fanden gerade in den Nachkriegsjahren die Überreste ihrer Behausungen und Lagerfeuer in den beerenreichen Wäldern. Auch diese Sammler machten anschließend ihre Erträge in der Stadt zu Geld oder sterilisierten sie für den Winter ein. Dies galt neben den beschriebenen Heidelbeeren auch für Himbeeren, Brombeeren und seltener auch Walderdbeeren.
Somit war den verschiedenen Beerenarten in vergangener Zeit ein besonderer Stellenwert in der Nahrungskette zuzuordnen und bedeutete nebenbei auch noch die erwähnte finanzielle Einnahmequelle.
Während der Heidelbeererntezeit war richtig was los in den hiesigen Wäldern. Nicht nur das Sammeln von Beeren sondern auch überlieferte Bräuche und Rituale, die in den Odenwaldregionen ganz unterschiedlich praktiziert wurden, prägten das Bild und sollten natürlich die Erträge hierbei noch zusätzlich steigern. So wurden einzelne herabgefallene Beeren dem Wald überlassen oder die ersten drei Beeren früh morgens über die Schulter geworfen, um an dieser Stelle nur einige der „beerenvermehrenden“ Bräuche zu nennen. Ein Kinderreim aus jener Zeit zeigt auf, wie es zu früherer Zeit in den Wäldern zuging:
„Heidelbeerleut´ sen fröhliche Leut´,
sieht man sie net, dann hört man sie weit!“
Eine weitere Überlieferung aus dem hessischen Odenwald sagt, dass die Ernten nach dem 25. Juli keine großen Erträge mehr einbringen. Unter dem Einfluss des milden Klimas der nahen Rheinebene, endete mit diesem Tag offiziell die Heidelbeerernte im hessischen Teil des Odenwaldes. Im badischen Teil hingegen, mit seinem rauheren Klima, wurden auch noch Mitte August gute Erträge erzielt. Noch bis in die 1950er Jahre wurde zur Ernte früh morgens in den Wald marschiert. Unter den Pflückerinnen herrschte ein echter Konkurrenzkampf um die guten Ernteplätze, so dass die Gruppen jeweils bemüht waren gerade an diesen Plätzen zu ernten. Es waren vor allem die Frauen und Kinder, die sich an einem der guten Plätze trafen, wo sie ihr Lager für den Tag errichteten. – „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst!“ – war im Streitfall gerne unter den einzelnen Pflückergruppen zu vernehmen, um so vor Ort für „klare Verhältnisse“ zu sorgen. Damit es keinen Streit unter den Dörfern gab, respektierten die Pflückerinnen allerdings bei der „Platzwahl“ in der Regel auch die Gemarkungsgrenzen. Es kam aber auch vor, dass Personen von Plätzen verwiesen wurden die sich nicht daran hielten oder die Grenzen möglicherweise gar nicht kannten. Die Männer hingegen verrichteten über den Tag die Feldarbeit. Sie beteiligten sich normalerweise nur dann an der Ernte, wenn es auf dem Feld gerade nichts zu tun gab.
Die Beeren wurden in kleinen Milchkannen oder kleinen Eimern gesammelt, welche in der Regel mit einem Gürtel vor den Bauch geschnallt waren. Volle Kannen wurden in sogenannte „Mannen“ (Tragekörbe aus Weidegeflecht) oder auch in größere, ausgediente Milchkannen umgefüllt. Zu früherer Zeit trugen die Hausfrauen die vollen Körbe auf dem Kopf nach Hause. Hierzu wurde ein Wisch (oder auch Kitz) auf den Kopf gelegt, um den Druck der Manne zu verringern und so das Tragen zu erleichtern. Zu späterer Zeit erfolgte der Abtransport dann elegant mit dem Auto.
Versierte Frauen nutzten zum Sammeln der Beeren gerne eine Art Kamm, ein sog. Reff. Man streifte die Beeren damit in einen Kasten und hatte somit eine höhere Ausbeute, allerdings auch mehr Blätter, kleine Zweige und unreife Beeren im Ertrag. Häufig wurde die Ernte daher im Nachgang nochmals verlesen.
Zurück aus dem Wald wurde dann entschieden welcher Teil frisch verzehrt wird, wie viele der Beeren eingekocht werden, was ggf. zu Wein verarbeitet wird aber vor allem, welcher Anteil gleich wieder verkauft wird. Das Einfrieren der Beeren kam hingegen erst in den 1950er Jahren auf. Über die gesamte Erntezeit wurde von den „Profis“ nur der geringste Teil selbst verbraucht. Die meisten Beeren wurden bei den vereinbarten Annahmestellen in den Dörfern abgegeben. Dort wurde dann die Ernte gewogen und entsprechend dem Tagespreis das Geld gleich ausbezahlt. Für gepflückte Beeren gab es normalerweise mehr Geld als für gereffte Beeren mit Verunreinigungen. Interessant ist, dass während der Weltwirtschaftskrise der 1920er Jahre, die Preise von Woche zu Woche teils um 100% schwankten. Es sei zudem angemerkt, dass ein dreiviertel Liter gleichzusetzen ist mit einem Gewicht von einem Pfund (500 Gramm) Beeren. Somit konnte bereits im Wald kalkuliert werden, wieviel man heute verdienen wird. Die eigentlichen Händler fuhren dann wiederum die Sammelstellen an und vermarkteten die Beeren anschließend an ihre Kundschaft auf Wochenmärkten oder in den Städten. Nach Aufzeichnungen von Ladelisten der Odenwaldeisenbahn, wurde in manchen Jahren mehr als eine Tonne Heidelbeeren vom Nebenbahnhof Kailbach, mit Ziel Frankfurt bzw. Mannheim, verladen und dies waren nur die Überschüsse der Händler. Die Hauptmenge einer Jahresernte fand jedoch wie beschrieben auf anderen Wegen ihre Abnehmer. In größeren Dörfern, wie z.B. in Limbach, gab es zudem einmal im Jahr einen Heidelbeermarkt, wo die Hausfrauen ihre Ernteerträge mit besseren Erlösen direkt vermarkten konnten.
Denken wir heute an die alljährlichen Sommerferien, dann sind diese unter den Bundesländern abgestimmt, damit für die großen Ferienregionen eine möglichst hohe und gleichmäßige Auslastung möglich ist. In vergangener Zeit wurden die Ferien allerdings eher „nach Bedarf“ gelegt. Es standen andere, vor allem landwirtschaftliche Gesichtspunkte im Vordergrund. So gab es Ferien zum Kartoffelkäfer lesen, zur Heuernte aber auch zur Beeren- und Kartoffelernte, denn Kinder waren hierbei ein nicht unwesentlicher Wirtschaftsfaktor.
Gerade in der Heidelbeerzeit waren die Schulen mit „Ferien“ auf die Zeit der Ernte eingestellt. Je nach Wetterlage wurden diese kurzfristig festgelegt, denn Kinder waren für diese einfache Tätigkeit, wie erwähnt, wertvolle Helfer. Auf diese Weise konnten sie erstes Geld verdienen, sofern sie dieses behalten durften. In den Dörfern wurden sogar die Vereinsfeste nach der Heidelbeerernte gelegt, denn dann hatten die Familien Geld in der Tasche. Doch der größte Anteil der Einnahmen wurde gespart. Junge Frauen erwirtschafteten auf diese Weise ihre Aussteuer, Hausfrauen investierten in die Familie und durch organisierte Sammelaktionen, wurden in den Dörfern sogar größere Vorhaben realisiert:
So wurde 1954 in Donebach mit Heidelbeerverkäufen nahezu eine komplette Kirchenglocke finanziert. Im hessischen Kailbach wurde zwischen 1947 und 1957 durch Heidelbeerernten der Schüler, Schulausflüge organisiert und die Inneneinrichtung des Klassensaals modernisiert.
Die Zeit der großen Heidelbeerernten endete schließlich zu Beginn der 1990er Jahre. Damals sorgte der Fuchsbandwurm als Krankheitserreger für einen schlechten Ruf der Beeren in Zusammenhang mit Ernten aus hiesigen Wäldern. Zudem wurde erkannt, dass Krankheiten, die von Zecken übertragen werden, lebensbedrohlich sein können. Diese Negativschlagzeilen verängstigten zunehmend die Pflücker, so dass sich viele Menschen zwischenzeitlich gar nicht mehr in die Wälder trauen. Des Weiteren wurde In Verbindung mit der Tschernobylkatastrophe auf die Gefahr strahlenverseuchter Waldprodukte hingewiesen, so dass diese niemand mehr haben wollte. Auch sorgen zwischenzeitlich moderne Waldmaschinen für großflächige Schäden auf den Böden der Wälder, welche das Heidekraut für Jahre zerstören und das Pflücken nach bewährter Weise unwirtschaftlich machen. Andererseits wurde es aber auch immer schwieriger die Beeren mit Gewinn zu vermarkten, denn großflächige Plantagen im Ausland verdrängten mit ihren niedrigen Preisen allmählich die Sammelstellen auf den Dörfern und den Handel mit dem „blauen Gold aus dem Odenwald“, so dass heutzutage, wenn überhaupt, nur noch für den Eigenbedarf geerntet wird.
Thomas Müller, Schloßau 2017
Quellen:
- Mündliche Überlieferungen aus Schloßau
- Archiv von Bruno Trunk
- Bruno Trunk, Schloßau - ein Höhendorf im Odenwald
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Schloßauer Frauen in den 1970er Jahren nach der Heidelbeerernte am „Schloßauer Heidenbuckel
Die ehemaligen Kolonialwarenläden der Umgebung waren häufig auch Annahmestellen für frisch geerntete Beeren. Von hier wurde direkt vermarktet oder größere Händler holten frisch geerntete Beeren ab. Zu sehen ist Irma Münkel in ihrem „Laden“ am alten Weg in Schloßau um 1965.
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Integrationsprojekt Beerenernte: Frauen aus Schloßau zusammen mit Heimatvertriebenen bei der Himbeerernte
Der Tagesertrag wurde in größeren Behältnissen gesammelt und war häufig bereits im Wald schon fertig zur Vermarktung. Zu sehen ist der Tagesertrag einer Schloßauer Pflückergruppe in den 1970er Jahren.
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Kinder waren schon immer gern gesehene Helfer für den Heidelbeerwald. Hier eine Aufnahme von 1938 aus Mörschenhardt, bevor es losging…
…und während der Ernte, die von den Kindern häufig nicht ganz freiwillig ausgeführt wurde. Aufgenommen in Schloßau Mitte der 1970er Jahre. Alle Repros Thomas Müller
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"Säiherd" im Odenwald
Teil 1
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Schweinehirten waren Saisonarbeiter
Seit dem Beginn der Schweinehaltung und des Schweinetriebes gab es in den Dörfern auch Hirten. Die Dorfbewohner erkannten nämlich bald, dass es mehr Sinn macht die Tiere als Rotte und nicht einzeln in den Wald zu treiben, denn Schweine sind Gruppentiere und das erleichterte den Umtrieb ganz erheblich. Zudem war dann nur eine Person zum Hüten der Borstentiere abzustellen. Die übrigen Dorfbewohner konnten in dieser Zeit andere Arbeiten verrichten. Die Schweinehüter waren in der Regel Beauftragte der Dorfbewohner und später Angestellte in den bereits organisierten Dörfern bzw. innerhalb der Gemeinden. Sie erhielten neben Naturalien auch einen festgelegten Lohn. |
Wiegehäusle
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Dieser wurde anteilmäßig, gemäß der Anzahl ausgetriebener Schweine, umgelegt. Die Tätigkeit war natürlich schlecht bezahlt und reichte keinesfalls zur Anhäufung von Reichtümern. Entsprechend spärlich waren die Lebensumstände. In Schloßau, wie in vielen anderen Dörfern auch, wohnte der Dorfhirte über Jahrhunderte in einem gemeindeeigenen, einfachen ja im wahrsten Sinne „hutteligen“ Haus. In Schloßau hatte dieses zudem einen kleinen Garten. Das Anwesen befand sich auf Almendebesitz (Gemeindebesitz), wobei das Wohnrecht auf den Hirtenlohn angerechnet wurde. Das Haus, sowie auch der Beruf des Hirten, wurden üblicherweise an einen Nachkommen weitervererbt. Erst Mitte des 19. Jh, mit den zunehmend besser organisierten Dorfgemeinschaften, wurde der Hirte in den Dörfern per Vertrag beauftragt. Die Tätigkeit wurde seitens der Gemeinde dann in der Regel über mehrere Jahre verpachtet. Sein Lohn wurde zu Jahresbeginn für ein Jahr festgelegt und zumeist um „Martini“, also im November, ausbezahlt. Wurde über die Zeit des Schweinetriebes ein Mutterschwein trächtig, dann erhielt der Hirte vom Besitzer üblicherweise eine Zugabe zu seinem Lohn. In den Dörfern wurde speziell zur Vermeidung von Erbschäden (Inzucht) schon frühzeitig ein dorfeigener Eber gehalten, der den Umtrieb der Schweine natürlich bereicherte. Der Dorfeber wurde in bestimmten Abständen mit anderen Dörfern getauscht. Die Dorfhirten waren also immer bemüht, speziell dieses Tier dabei zu haben. Wurden die Schweine einmal übermütig und es entstand Schaden am dörflichen Inventar, dann hatte dies Folgen, denn hierfür haftete der Treiber mit seinem persönlichen Besitz. Versicherungen hierfür gab es damals noch nicht und wären für die Hirten auch nicht erschwinglich gewesen. An kritischen Stellen, wo also Gefahr bestand dass die Schweine ausbüxen, setzten die Dorfbewohner daher große Steinplatten (Stellsteine), um die Tiere auf dem Weg zu halten. Diese sind in vielen Odenwalddörfern auch heut noch zu sehen. Sie deuten somit auf den ehemaligen Triebweg hin und erinnern uns ebenso wie abgeleiteten Namen an die Zeit der Schweineprozessionen.
So gibt es in vielen Odenwalddörfern noch einen „Saitrieb“, zwischen Donebach und Ünglert ist der Säubuckel, in Waldauerbach ein Gewann „am Trieb“, in Hardheim der Triebweg und in Schloßau noch die „Saugasse“, die auch liebevoll „Schweineallee“ genannt wird in den Landkarten eingetragen. Dort sind überall noch viele der genannten Stellsteine zu finden.
Auch seine Ausrüstung musste der Hirte selbst stellen, handelte es sich hierbei auch nur um das Signalhorn (Saiherdspfeife) und eine Haselnussrute mit einem Lederriemen an dem ein besonderer Faden (Schmees) befestigt war, der richtig geschwungen einen Knall erzeugen konnte. War der Hirte mit der Gruppe am Ziel, musste er die Schweine nur noch in Zaum halten. Mancherorts war dieser Bereich hierzu mit Holzstangen eingepfercht.
Selbst den „Arbeitsplatz“ im Wald, musste sich der Hirte in Eigenregie organisieren. Zumeist hatte er dort einen einfachen Unterstand gegen Wind und Regen. Hier verbrachte er dann einige Stunden im Kreise „seiner“ Schweine. Am Stand der Sonne oder sofern hörbar auch am Glockenschlag, wusste der „Schweinebeauftragte“ schließlich wann es Zeit war die Rotte ins Dorf zurückzutreiben. Zurück aus dem Wald wurde die Gruppe dann häufig von Kindern in Empfang genommen und durch das Dorf begleitet. Der „Saiherd“ musste hierbei aber auch so manchen Spott über sich ergehen lassen, was ihn natürlich auch ärgerte. Anlass hierfür bot vor allem die Duftwolke, die permanent die Tiere umgab. Der schweinetypische Geruch haftete natürlich tagein, tagaus auch dem Hirten an. Es hatte im wahrsten Sinne des Wortes ein „G´schmäggle“, wenn er im Zimmer anwesend war. „Man sieht ihn noch nicht, aber riecht ihn schon!“ - Tägliche Körperpflege steckte noch in den Kinderschuhen!
Der Viehtrieb wurde alljährlich mit den kürzer werdenden Tagen und der schlechter werdenden Witterung eingestellt. In der Winterzeit hatte der Schweinehirt dann andere Aufgaben. Teils arbeitete er zusammen mit den Holzhauern im Wald oder auch als Wegewart. Häufig führte er auch im Auftrag der Gemeinde Reparaturen aus und half im tiefsten Winter beim „Schanzen“, denn Schneeräumen war für Jahrhunderte Handarbeit und die Winter waren in der Regel schneereicher, kälter und vor allem hartnäckiger als heute. Die Arbeit ging ihm also auch im Winter nicht aus und die kürzer werdenden Tage boten dann auch Gelegenheit für lange Abende in den vermehrt aufkommenden Wirtshäusern.
Thomas Müller
So gibt es in vielen Odenwalddörfern noch einen „Saitrieb“, zwischen Donebach und Ünglert ist der Säubuckel, in Waldauerbach ein Gewann „am Trieb“, in Hardheim der Triebweg und in Schloßau noch die „Saugasse“, die auch liebevoll „Schweineallee“ genannt wird in den Landkarten eingetragen. Dort sind überall noch viele der genannten Stellsteine zu finden.
Auch seine Ausrüstung musste der Hirte selbst stellen, handelte es sich hierbei auch nur um das Signalhorn (Saiherdspfeife) und eine Haselnussrute mit einem Lederriemen an dem ein besonderer Faden (Schmees) befestigt war, der richtig geschwungen einen Knall erzeugen konnte. War der Hirte mit der Gruppe am Ziel, musste er die Schweine nur noch in Zaum halten. Mancherorts war dieser Bereich hierzu mit Holzstangen eingepfercht.
Selbst den „Arbeitsplatz“ im Wald, musste sich der Hirte in Eigenregie organisieren. Zumeist hatte er dort einen einfachen Unterstand gegen Wind und Regen. Hier verbrachte er dann einige Stunden im Kreise „seiner“ Schweine. Am Stand der Sonne oder sofern hörbar auch am Glockenschlag, wusste der „Schweinebeauftragte“ schließlich wann es Zeit war die Rotte ins Dorf zurückzutreiben. Zurück aus dem Wald wurde die Gruppe dann häufig von Kindern in Empfang genommen und durch das Dorf begleitet. Der „Saiherd“ musste hierbei aber auch so manchen Spott über sich ergehen lassen, was ihn natürlich auch ärgerte. Anlass hierfür bot vor allem die Duftwolke, die permanent die Tiere umgab. Der schweinetypische Geruch haftete natürlich tagein, tagaus auch dem Hirten an. Es hatte im wahrsten Sinne des Wortes ein „G´schmäggle“, wenn er im Zimmer anwesend war. „Man sieht ihn noch nicht, aber riecht ihn schon!“ - Tägliche Körperpflege steckte noch in den Kinderschuhen!
Der Viehtrieb wurde alljährlich mit den kürzer werdenden Tagen und der schlechter werdenden Witterung eingestellt. In der Winterzeit hatte der Schweinehirt dann andere Aufgaben. Teils arbeitete er zusammen mit den Holzhauern im Wald oder auch als Wegewart. Häufig führte er auch im Auftrag der Gemeinde Reparaturen aus und half im tiefsten Winter beim „Schanzen“, denn Schneeräumen war für Jahrhunderte Handarbeit und die Winter waren in der Regel schneereicher, kälter und vor allem hartnäckiger als heute. Die Arbeit ging ihm also auch im Winter nicht aus und die kürzer werdenden Tage boten dann auch Gelegenheit für lange Abende in den vermehrt aufkommenden Wirtshäusern.
Thomas Müller
Teil 2
Der Schweinetrieb bedurfte keiner Dressur
Der Schweinetrieb in den Dörfern begann alljährlich bei geeigneter Witterung nach der Schneeschmelze, etwa Ende April. Fortan lief der Hirte jeden Tag zum Haus, das am weitesten entfernt war und startete von hier aus mit einem ersten Hornsignal den Schweinetrieb. Danach pilgerte er gemächlich durch das Dorf und sammelte auf dem Weg immer mehr Schweine zusammen. Vor den Häusern gab er mit dem Horn einen Signalton ab. Nach diesem Ton öffneten die Anwohner die Stalltür und ließen sogleich „die Sau raus“, denn die Borstentiere stürmten sofort aus dem Stall. Je nach Größe des Dorfes hatte er bald eine stattliche Zahl an Schweinen zusammen, so dass er schließlich weiter zum Aufenthaltsplatz im Wald oder am Waldrand zog. In Waldauerbach lag dieser Platz im Gewann „am Trieb“, in Schloßau am „Säitrieb“ im Gewann Neuhof (in späteren Jahren im Fuchseneck), in Mörschenhardt in der Nähe der heutigen Sendemasten, in Donebach auf halber Strecke dem Weiler Ünglert zu. Der „Saiherd“ war beim alljährlich ersten Marsch immer froh, wenn er ein paar „erfahrene“ Schweine dabei hatte, denn diese kannten noch den Weg vom letzten Jahr. Die Neulinge folgten dann problemlos den „alten Hasen“ und kannten bereits nach kurzer Zeit die Prozedur. Sie folgten schon bald von alleine der vorbeiziehenden Herde, wobei der Hirte normalerweise nicht einmal einen Hirtenhund benötigte, um die Tiere auf dem Weg zu halten. Lediglich seine Rute diente bei Bedarf zur Züchtigung der Tiere. Das war ein Grunzen und Quieken während der gesamten Prozession! Überall hinterließen sie ihren Naturdünger und wenn dann Regen hinzu kam sah es auf den zumeist unbefestigten Wegstrecken aus „wie sau“. Man stelle sich dies einmal in heutiger Zeit vor, auf gut ausgebauten Straßen mit gepflegtem Schuhwerk oder frisch geputzten Autos. Jedenfalls erreichte die Gruppe irgendwann das Ziel im Wald. Mit ihrem Rüssel durchwühlten die Borstentiere den Boden, wälzten sich darin und hinterließen auch hier ihren Naturdünger. Im Schlamm fühlten sie sich sauwohl. Nach einigen Stunden ging es schließlich wieder zurück ins Dorf. In umgekehrter Reihenfolge wurden die Säue wieder abgeliefert. Viele Familien hatten ihre Tiere auf dem Rücken gekennzeichnet, damit abends auch wieder die richtigen Schweine im Stall waren. Diese wussten aber ohnehin nach kurzer Zeit wo sie hingehörten und kamen meist von alleine zurück in den heimischen Stall, wo zum Anfüttern bereits die nächste Portion Futter im Trog auf sie wartete. Es war dann ein Leichtes, die Stalltüre hinter den Tieren zu schließen.
Wie erwähnt lief dieses Prozedere Tag für Tag ab, bis in den Spätherbst. Nur die Sonn- und Feiertage stellten im Einklang mit den kirchlichen Regeln, Ausnahmen dar. Ab November mangelte es auch schon an „Teilnehmern“, denn diese landeten jetzt vermehrt als Wurst und Fleisch auf den heimischen Tischen. Zum Ende der Saison wurden nur noch die wenigen Zuchtschweine ausgetrieben. Schließlich sorgten diese zum Jahresanfang wieder für Nachwuchs der dann ab April wiederum zur Mast ausgetrieben wurde. Der Umtrieb begann somit für ein weiteres Jahr von neuem.
Die Schweineprozession lief in sehr vielen Odenwalddörfern über Jahrhunderte in ähnlicher Weise ab und endete nahezu überall gleichzeitig vor etwa 50 Jahren. Mit dem Ende des Schweinetriebes ging allerdings auch ein Stück Nostalgie auf dem Lande verloren.
Thomas Müller
Der Schweinetrieb in den Dörfern begann alljährlich bei geeigneter Witterung nach der Schneeschmelze, etwa Ende April. Fortan lief der Hirte jeden Tag zum Haus, das am weitesten entfernt war und startete von hier aus mit einem ersten Hornsignal den Schweinetrieb. Danach pilgerte er gemächlich durch das Dorf und sammelte auf dem Weg immer mehr Schweine zusammen. Vor den Häusern gab er mit dem Horn einen Signalton ab. Nach diesem Ton öffneten die Anwohner die Stalltür und ließen sogleich „die Sau raus“, denn die Borstentiere stürmten sofort aus dem Stall. Je nach Größe des Dorfes hatte er bald eine stattliche Zahl an Schweinen zusammen, so dass er schließlich weiter zum Aufenthaltsplatz im Wald oder am Waldrand zog. In Waldauerbach lag dieser Platz im Gewann „am Trieb“, in Schloßau am „Säitrieb“ im Gewann Neuhof (in späteren Jahren im Fuchseneck), in Mörschenhardt in der Nähe der heutigen Sendemasten, in Donebach auf halber Strecke dem Weiler Ünglert zu. Der „Saiherd“ war beim alljährlich ersten Marsch immer froh, wenn er ein paar „erfahrene“ Schweine dabei hatte, denn diese kannten noch den Weg vom letzten Jahr. Die Neulinge folgten dann problemlos den „alten Hasen“ und kannten bereits nach kurzer Zeit die Prozedur. Sie folgten schon bald von alleine der vorbeiziehenden Herde, wobei der Hirte normalerweise nicht einmal einen Hirtenhund benötigte, um die Tiere auf dem Weg zu halten. Lediglich seine Rute diente bei Bedarf zur Züchtigung der Tiere. Das war ein Grunzen und Quieken während der gesamten Prozession! Überall hinterließen sie ihren Naturdünger und wenn dann Regen hinzu kam sah es auf den zumeist unbefestigten Wegstrecken aus „wie sau“. Man stelle sich dies einmal in heutiger Zeit vor, auf gut ausgebauten Straßen mit gepflegtem Schuhwerk oder frisch geputzten Autos. Jedenfalls erreichte die Gruppe irgendwann das Ziel im Wald. Mit ihrem Rüssel durchwühlten die Borstentiere den Boden, wälzten sich darin und hinterließen auch hier ihren Naturdünger. Im Schlamm fühlten sie sich sauwohl. Nach einigen Stunden ging es schließlich wieder zurück ins Dorf. In umgekehrter Reihenfolge wurden die Säue wieder abgeliefert. Viele Familien hatten ihre Tiere auf dem Rücken gekennzeichnet, damit abends auch wieder die richtigen Schweine im Stall waren. Diese wussten aber ohnehin nach kurzer Zeit wo sie hingehörten und kamen meist von alleine zurück in den heimischen Stall, wo zum Anfüttern bereits die nächste Portion Futter im Trog auf sie wartete. Es war dann ein Leichtes, die Stalltüre hinter den Tieren zu schließen.
Wie erwähnt lief dieses Prozedere Tag für Tag ab, bis in den Spätherbst. Nur die Sonn- und Feiertage stellten im Einklang mit den kirchlichen Regeln, Ausnahmen dar. Ab November mangelte es auch schon an „Teilnehmern“, denn diese landeten jetzt vermehrt als Wurst und Fleisch auf den heimischen Tischen. Zum Ende der Saison wurden nur noch die wenigen Zuchtschweine ausgetrieben. Schließlich sorgten diese zum Jahresanfang wieder für Nachwuchs der dann ab April wiederum zur Mast ausgetrieben wurde. Der Umtrieb begann somit für ein weiteres Jahr von neuem.
Die Schweineprozession lief in sehr vielen Odenwalddörfern über Jahrhunderte in ähnlicher Weise ab und endete nahezu überall gleichzeitig vor etwa 50 Jahren. Mit dem Ende des Schweinetriebes ging allerdings auch ein Stück Nostalgie auf dem Lande verloren.
Thomas Müller
Winter früher und heute
Teil 1
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Winter früher und heute
Alle Jahre wieder – kommt er, der Winter! Mal mehr, mit viel Schnee, mal weniger, mit kaum Schnee. Und getreu dem Werbeslogan einer namhaften Bank sind freie Wege wahrlich ein ernst zu nehmendes Thema unserer schnelllebigen Zeit geworden. Wir alle wissen: „Zeit ist Geld“. Doch wie war es eigentlich früher, als die technischen Möglichkeiten zum Schneeräumen noch begrenzt waren, wo Muskelkraft und Pferdestärken und nicht die PS-Giganten der heutigen Zeit die Wege frei machten? Wurden die Menschen vergangener Zeiten früh morgens von der weißen Pracht überrascht, hatten sie zu allererst einmal die „Ruhe weg“ und blieben zu Hause. Kaum jemand störte sich daran, denn die meisten Menschen arbeiteten ohnehin in der Landwirtschaft, die nach dem Einbringen der Wintervorräte bereits seit Wochen |
Schneeschanzen im Mörschenhardter Kapellenweg in den 50er Jahren
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weitestgehend ruhte. Für die Bauern kam ein Schneechaos sogar gerade recht, denn jetzt war Zeit für all die Arbeiten, die über das Jahr liegen geblieben waren oder sogar für den Winter aufgespart wurden. Musste man tatsächlich zu einem anderen Ziel, harrte man aus, bis das Schneetreiben dies irgendwie zuließ.
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Schanzarbeiten bei Mülben um 1934
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Mit der voranschreitenden Organisation innerhalb der Dörfer, musste allerdings eine Lösung gefunden werden. So wurden dorfintern Schneeräumaktionen auf den wenigen Straßen und Handelswegen organisiert. Hierzu wurden seitens der Gemeinden Bürger verpflichtet, die die Wege frei schaufelten. Den Schneeschauflern wurde hierzu ein Streckenabschnitt zugeteilt, wobei die Kunst schon alleine darin bestand, die Trasse unter dem Schnee zu finden, denn die Wege waren normalerweise schlecht ausgebaut. Häufig waren sie kaum von der Wiese daneben zu unterscheiden. Waren die Schneemassen zu stark, dann musste „geschanzt“ werden. Eine besondere Technik, wobei der Schnee dann in mehreren Etappen aufgeschichtet wurde. Diese Fronarbeiten im Dienste der Allgemeinheit waren später Pflicht und seit dem zweiten Weltkrieg erhielten die Schneeschaufler für ihre Tätigkeit
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auch einen geringen Lohn. Schneeräumen war zudem eine willkommene Abwechslung bei den Bürgern, denn man hatte hierbei Zeit, ohne Hektik wieder einmal ausgiebig miteinander zu plaudern. Mit dem Aufkommen der Gaststätten wurden diese Gespräche nach getaner Arbeit in die Schankräume der Dörfer verlegt. Auf diese Weise wurde quasi der „Wirtschaftskreislauf“ in Gang gehalten und das gerade ausgezahlte Geld häufig schon wieder umgesetzt. Jedenfalls ging es in den Dörfern noch urgemütlich zu.
Für Streckenabschnitte zwischen den Dörfern wurden von den Gemeinden seit etwa 1920 bereits Straßenwärter eingestellt, die damit beauftragt waren ihren Abschnitt zu jeder Jahreszeit gegen Entlohnung in Ordnung zu halten. Im Winter war dies allerdings gerade bei großen Schneemassen und Schneeverwehungen auch für diese äußerst schwierig, wobei mit dem voranschreitenden Warenverkehr auch die Ansprüche bezüglich geräumter Strecken stiegen. Es kamen die ersten Schneeräumgeräte, die sog. Bahnschlitten, auf. Hierbei handelte es sich um einfache Holzgestelle in dreieckiger Form, die mit Eisen verstärkt waren und durch herausklappbare Seitenteile verbreitert werden konnten. Je nach Schneemenge waren sie bei Winterbeginn, bei Pulverschnee und geringen Schneemassen breiter ausgefahren und später im Winter und großen Schneemassen enger eingestellt, bis sie in Extremfällen schließlich nur noch eine schmale Furt hinterließen. Hinten am Bahnschlitten war eine Verlängerung angebaut, um den Schlitten in der Spur halten zu können.
Für Streckenabschnitte zwischen den Dörfern wurden von den Gemeinden seit etwa 1920 bereits Straßenwärter eingestellt, die damit beauftragt waren ihren Abschnitt zu jeder Jahreszeit gegen Entlohnung in Ordnung zu halten. Im Winter war dies allerdings gerade bei großen Schneemassen und Schneeverwehungen auch für diese äußerst schwierig, wobei mit dem voranschreitenden Warenverkehr auch die Ansprüche bezüglich geräumter Strecken stiegen. Es kamen die ersten Schneeräumgeräte, die sog. Bahnschlitten, auf. Hierbei handelte es sich um einfache Holzgestelle in dreieckiger Form, die mit Eisen verstärkt waren und durch herausklappbare Seitenteile verbreitert werden konnten. Je nach Schneemenge waren sie bei Winterbeginn, bei Pulverschnee und geringen Schneemassen breiter ausgefahren und später im Winter und großen Schneemassen enger eingestellt, bis sie in Extremfällen schließlich nur noch eine schmale Furt hinterließen. Hinten am Bahnschlitten war eine Verlängerung angebaut, um den Schlitten in der Spur halten zu können.
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Diese Bahnschlitten mussten mit Last beschwert werden, um nicht über die Schneemassen zu gleiten. Hierzu wurden Steine aufgelegt oder es stiegen Mitreisende zu. Diese kamen so bequem an ihr Ziel und der Fahrer hatte eine willkommene Abwechslung an Bord. Diese Bahnschlitten wurden von zwei, vier, sechs oder seltener acht Pferden gezogen. Hatte eine Gemeinde keine Pferde verfügbar, wurden alternativ Ochsen eingespannt, was jedoch die Räumgeschwindigkeit minimierte.
Diese Schlitten konnten in den ersten Jahren nur bei Tageslicht eingesetzt werden, denn nachts war es ein waghalsiges Unterfangen, die Straßen und Wege ohne künstliches Licht zu räumen. Eine zusätzliche Beleuchtung kam erst später auf. Nicht selten landete der Bahnschlitten im Straßengraben und musste befreit werden. Er kam quasi von der rechten Bahn ab! Zudem war der Sitz des Fahrers und der Beifahrer kalt. Eine warme Kabine fehlte gänzlich. Es war also nicht gerade der begehrteste Job. Thomas Müller, Schloßau 2017 |
Bahnschlitten am Bahnübergang bei Sattelbach 1949
Quellen: - Joachim Mai, Mudau - Archiv Bruno Trunk - mündliche Überlieferungen |
Teil 2
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Winter früher und heute
Was allerdings für die steigenden Ansprüche bezüglich dauerhaft „freier Wege“ immer noch fehlte, waren Streugeräte. Denn nach dem „Schieben“ kam die Eisglätte. Diese kam jedoch erst bei einer dickeren Eisschicht zum Tragen, denn die steinigen, häufig schlecht befestigten Straßen und Wege sorgten noch einige Zeit für Grip. Weniger Grip hatten allerdings die Schuhe der Menschen. Von Schuhmachern noch handgefertigt waren die Sohlen angenagelt und häufig ohne jedes Profil. Gegen Kälte von unten wurde gerne Zeitung in die Schuhe eingelegt, die nebenbei noch für ein „Wohlfühlklima“ im Schuh sorgte. Für die Kinder und Sonntagskutschen hingegen, waren der festgefahrene Schnee, Eis und Glätte geradezu optimal. Auf geräumten Straßen mit Hanglage entstanden echte Schneepisten. In Schloßau waren hierzu der Weißebuckel und der Forsthausbuckel prädestiniert, denn hier war der Auslauf des einen Buckels gleich wieder der Anlauf zum |
Winterliche Schlittenfahrt in Waldauerbach um 1920
Repro: Thomas Müller |
nächsten. In Mörschenhardt war der Spethsbuckel steil genug für das Treiben der Kinder. Die Anwohner hatten danach allerdings das Problem einer Eisdecke vor der Haustür. Sie schimpften nicht selten mit den Kindern über das Glatteis und wenn die Streitigkeiten besonders heftig wurden, halfen ältere Buben nachts auch noch mit Wasser nach, denn dann ging am nächsten Tag erst recht "die Post ab". Mit Schlitten oder selbst gebauten Gefährten herrschte ein reges Treiben auf den Straßen und die glatten Schuhe kamen da gerade recht. Lange eingehängte Schlittenschlangen hatten auf geräumten Strecken ihren besonderen Reiz.
Um mit dem ansteigenden Warenverkehr auf den Straßen Schritt halten zu können, stiegen zum Leidwesen der Kinder auch die Anforderungen an eisfreie Straßen. Zunächst verteilten die Straßenwärter Sand, um den Grip zu verbessern. Dies erfolgte zunächst mit einem Schubkarren. Ab den 1950er Jahren war es auch möglich, den Sand bzw. Kies mit motorbetriebenen Fahrzeugen, den ersten Unimogs, mitzuführen. Das Streugut musste allerdings zuvor vom Straßenwärter mit der Schaufel aufgeladen werden. Eines war jedoch sicher: Wenn das Streumittel schon beim Beladen gefroren war, fiel der Streudienst aus, ansonsten war es Knochenarbeit. Das Streugut wurde dann von der Ladefläche, ebenfalls mit der Schaufel, auf den glatten Straßenabschnitten verteilt. Dies war zudem gefährlich denn es bestand immer das Risiko, vom Unimog zu fallen oder mit durchgeschwitzter Kleidung sich eine Erkältung einzufangen. Da kam es dem Arbeiter gerade recht, wenn das Streugut gefroren war und sich diese Arbeit von alleine erledigte. Noch Mitte der 1950er Jahre gab es im heutigen Neckar-Odenwald-Kreis kein Streugerät. Bei den ersten Streugeräten musste das Streugut dann aber immer noch von der Ladefläche in einen Trichter geschaufelt werden, wobei dieses dann auf dem Streuteller landete und relativ ungleichmäßig verteilt wurde. Automatisch arbeitende Schneckenförderer auf der Ladefläche wurden danach entwickelt. Inzwischen wurde zudem Auftausalz anstatt Sand oder Kies eingesetzt. Das gleichmäßige Ausbringen des Streugutes bereitete allerdings immer noch Probleme, denn es gab weder Füllstandsanzeigen noch geschwindigkeitsabhängige Steuerungen.
Um mit dem ansteigenden Warenverkehr auf den Straßen Schritt halten zu können, stiegen zum Leidwesen der Kinder auch die Anforderungen an eisfreie Straßen. Zunächst verteilten die Straßenwärter Sand, um den Grip zu verbessern. Dies erfolgte zunächst mit einem Schubkarren. Ab den 1950er Jahren war es auch möglich, den Sand bzw. Kies mit motorbetriebenen Fahrzeugen, den ersten Unimogs, mitzuführen. Das Streugut musste allerdings zuvor vom Straßenwärter mit der Schaufel aufgeladen werden. Eines war jedoch sicher: Wenn das Streumittel schon beim Beladen gefroren war, fiel der Streudienst aus, ansonsten war es Knochenarbeit. Das Streugut wurde dann von der Ladefläche, ebenfalls mit der Schaufel, auf den glatten Straßenabschnitten verteilt. Dies war zudem gefährlich denn es bestand immer das Risiko, vom Unimog zu fallen oder mit durchgeschwitzter Kleidung sich eine Erkältung einzufangen. Da kam es dem Arbeiter gerade recht, wenn das Streugut gefroren war und sich diese Arbeit von alleine erledigte. Noch Mitte der 1950er Jahre gab es im heutigen Neckar-Odenwald-Kreis kein Streugerät. Bei den ersten Streugeräten musste das Streugut dann aber immer noch von der Ladefläche in einen Trichter geschaufelt werden, wobei dieses dann auf dem Streuteller landete und relativ ungleichmäßig verteilt wurde. Automatisch arbeitende Schneckenförderer auf der Ladefläche wurden danach entwickelt. Inzwischen wurde zudem Auftausalz anstatt Sand oder Kies eingesetzt. Das gleichmäßige Ausbringen des Streugutes bereitete allerdings immer noch Probleme, denn es gab weder Füllstandsanzeigen noch geschwindigkeitsabhängige Steuerungen.
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So war häufig gar nicht gestreut oder es lag haufenweise Salz auf den Straßen, wenn das Räumgerät zum Stillstand kam. Heute sorgen moderne Streumittel für eine erträgliche Umweltbelastung und moderne computergestützte Fahrzeuge für ein bequemes Ausbringen des Streugutes. Über wettergesteuerte Navigation ist es zudem möglich, schnell an einen besonders stark beeinträchtigten Streckenabschnitt zu gelangen, und frieren muss man in der geheizten LKW-Kabine längst nicht mehr. Nur eines konnte auch mit modernster Technik nicht abgestellt werden: Die Räumkräfte müssen immer noch mitten in der Nacht beginnen, damit zu den morgendlichen Stoßzeiten der Weg auch wirklich frei ist.
Quellen: - Joachim Mai, Mudau - Archiv Bruno Trunk - mündliche Überlieferungen Thomas Müller, Schloßau 2017 |
Dieter und Thomas Müller auf verschneiten Straße im Extremwinter 1969 in Schloßau
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